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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wunschlos in Eberbach

KIEDRICH (15. August 2013). Matthias Heubusch ist Sänger, Tenor. Auch er hat bereits Monteverdis „Vespro della Beata Vergine“ gesungen und ihre Aufführung durch das Ensemble „amarcord“ mit Gästen und der „Lautten Compagney Berlin“ unter der Leitung von Wolfgang Katschner daher besonders genossen. Im Interview berichtet er von der Magie gerade dieses Konzerts des Rheingau Musik Festivals.

Frage: Um die Frage vom Tisch zu haben: Gibt es einen Wunsch, den die gestrige Aufführung der Marienvesper unerfüllt ließ?

Matthias Heubusch: Keineswegs, es war ein rundum vollkommener Abend. Natürlich kann man rückblickend auch im perfekten Konzert etwas finden, das man noch besser hätte machen können, wenn man lange genug sucht. Da würde mir der Dirigent Wolfgang Katschner sicherlich zustimmen. Wenn ich aber das Konzert von gestern nehme, müsste ich schon sehr, sehr lange suchen und am Ende würde mir vielleicht doch nur ein Huster im Publikum auffallen. Nein, ich war wunschlos glücklich!

Frage: Warum?

Matthias Heubusch: Weil hier alles gestimmt hat. Das Ensemble „amarcord“ hat sich seine Gäste sehr genau ausgewählt, um mit nur zehn Stimmen einen Klang hervorzubringen, der einen zweifeln ließ, ob im Hintergrund nicht doch noch ein Chor stehen würde. Die Klangfülle dieses kleinen Ensembles war einfach unglaublich. Und es passte hervorragend zum Spiel der „Lautten Compagney Berlin“, die Katschner mit ruhigem Dirigat durch die fast zweistündige Aufführung führte. Eine solche Marienvesper ist auch konditionell eine große Leistung.

Frage: Inwiefern?

Matthias Heubusch: Nehmen wir nur mal die beiden Sopranistinnen Angelika Lentner und Hanna Zumsande. Wie auch bei den anderen Stimmen war hier über die komplette Länge des Konzerts keinerlei Abfall in der Durchführung zu spüren. Und diese Spannung zog sich eben durch das komplette vokale und instrumentale Ensemble, dessen Einheit dadurch zusätzlich unterstrichen wurde.

Frage: Da die Sopranistinnen namentlich genannt wurden sollte man auch die anderen Stimmen nicht verschweigen: Stefan Kunath und David Erler als Alti, die Tenöre Wolfram und Martin Lattke sowie Daniel Schreiber, der Bariton Frank Ozimek und die Bässe Daniel Knauft und Holger Krause. Gibt es hier eine Stimme, die besonders auffiel?

Matthias Heubusch: Eine Stimme hervorzuheben ist immer schwierig. Begeistert hat mich Wolfgang Lattke, der den Introitus kraftvoll und mit wundervollem Belcanto intonierte. Oder Daniel Schreiber, der innerhalb des Stückes immer mehr an Kontur gewann – als Tenor fielen mir natürlich besonders die Tenöre auf (grinst). Aber letztendlich war es der unglaublich homogene und transparente Gesamtklang des Chores, aus dem sich für die Soli und Chöre verschiedene Stimmen jeweils äußerst passend lösten. Manche mag man – ganz subjektiv empfunden! – etwas mehr, andere ein bisschen weniger. Aber im Ensemble trug jeder zu einem wirklich einmaligen Klang bei, der dieses Konzert unvergesslich machte.

Frage: „amarcord“ heißt im italienischen Dialekt der Emilia-Romagna „Ich erinnere mich“. Wann und mit wem hast Du denn Monteverdis „Vespro della Beata Vergine“ gesungen? Und worin liegt der Zauber dieser Musik?

Matthias Heubusch: 2002 durfte ich die Marienvesper unter Christian Kabitz in Würzburg musizieren. Und das war ebenfalls ein großartiges Erlebnis, denn Monteverdi hat das Marienlob in allen Varianten auskomponiert: Festliche Chöre wie in der glanzvollen Eröffnung, aber auch schlichte Passagen, große Besetzungen wechseln mit kleinen und Soli ab – ein wundervolles Spiel mit den damaligen Möglichkeiten in all ihrer Breite und Tiefe. Und das sowohl im Chor als auch im Orchester. In Kloster Eberbach konnte man all dies exemplarisch erleben, vor allem weil dieser Raum eine ergreifende Atmosphäre hat. Monteverdi hat seine Marienvesper ja nicht für diese Basilika komponiert, aber es hörte sich gestern genau so an. Und wenn dann noch die Tempiwechsel innerhalb des Werkes und der einzelnen Stücke so meisterhaft ausmusiziert werden, glaube ich, dass sich auch Monteverdi in diesem Konzert sehr wohl gefühlt hätte.

Frage: Wir haben über „amarcord“ und seine Gäste gesprochen. Welchen Anteil hatte die „Lautten Compagney Berlin“ und vor allem ihr Dirigent Wolfgang Katschner am Genius dieses Konzerts?

Matthias Heubusch: Das Orchester war in jedem Register ausnehmend gut besetzt und spiegelte somit die homogene Qualität des Chores bestechend scharf. Die großartige Leistung Katschners besteht darin, dass er eigentlich äußerst wenig tat: Er ließ das Konzert ruhig laufen, setzte kleine, aber äußerst wirkungsvolle Akzente in der Dynamik und stellte ansonsten einzig die Musik in den Vordergrund, ohne sich selbst profilieren zu wollen. Und gerade damit zeigte er sein bemerkenswertes Profil. Das trifft im Übrigen individuell auf alle Mitwirkenden zu.

Frage: Sie singen regelmäßig als Gast in bedeutenden Ensembles unter Dirigenten wie Philippe Herreweghe, Hermann Max oder Thomas Hengelbrock. Hätten sie dieses Konzert auch gerne mitgestaltet?

Matthias Heubusch: Natürlich! Aber das hätte auch bedeutet, dass ich es nicht hätte hören können. Die Frage, ob ich gestern lieber auf der Bühne gestanden hätte, lässt sich also gar nicht so eindeutig beantworten. Ich bin auch sehr glücklich, gestern in der Basilika von Kloster Eberbach diese unglaublich beeindruckende Symbiose aus Raum und Klang erlebt zu haben. Und ich habe große Lust bekommen, mir selbst mal wieder die Noten von Monteverdi anzuschauen…

Matthias Heubusch (*1974) lebt in München und arbeitet dort als Logopäde sowie freiberuflicher Sänger. Nach seiner Schulzeit als Sänger des Windsbacher Knabenchores studierte er an der Musikhochschule München bei Thomas Moser und Helmut Deutsch Gesang und trat von 2004 bis 2007 seine erstes festes Engagement am Theater in Nordhausen an, wo er unter anderem die Rollen des Tamino, Ferrando und Nemorino sang. Nach erfolgreich absolvierter Ausbildung zum Logopäden führt Matthias Heubusch seine sängerische Karriere im Freiberuf weiter und musiziert regelmäßig als Gast namhafter Chöre wie der Rheinischen Kantorei, dem Deutschen Kammerchor oder dem Balthasar-Neumann-Chor sowie als Solist in Passions- und Oratorienkonzerten.

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