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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Der saure Weg

MAINZ (27. August 2015). St. Johannis steht derzeit (nicht nur) als Konzertstätte leider nicht zur Verfügung, würde sich aber wärmstens empfehlen. Dann wären da: die Christuskirche, St. Bonifaz am Hauptbahnhof, die Seminarkirche, ja sogar der Dom – sämtlich Gotteshäuser, die von Chören „bespielt“ wurden oder werden. Doch das Rheingau Musik Festival wählte erneut St. Stephan, um der Internationalen Chorakademie Lübeck unter ihrem Künstlerischen Leiter Rolf Beck ein Podium zu geben – trotz der für konzertante Aufführungen, seien wir diplomatisch, eher ungünstigen akustischen Verhältnisse.

Auf dem Programm stand vor allem Musik von Johann Sebastian Bach, das Konzert selbst war übertitelt mit „Rolf Beck zum 70. Geburtstag“: Der Dirigent, von Hause aus Jurist, studierte in der Kapellmeisterklasse von Helmuth Rilling und war Gründer des Vokalensembles Marburg sowie des Chors der Bamberger Symphoniker. Während seiner Zeit als Intendant des Schleswig-Holstein-Musikfestivals wurde die dortige Chorakademie ins Leben gerufen, mit der Beck als „Festivalchor Lübeck“ Erfolge feierte und die jetzt als Internationale Chorakademie Lübeck auftritt.

Will man nun das Konzert in St. Stephan würdigen, steht man vor einem schier unlösbaren Problem: Die Sänger und das Barockensemble Elbipolis sind fraglos bei Bach zuhause, die Motetten des Thomaskantors – „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“, „Komm, Jesu, komm“, „Fürchte dich nicht“ und „Singet dem Herrn“ – gehen den Künstlern leicht von der Hand. Doch basiert dieser Eindruck eher auf Vermutung, denn die vielschichtige Musik mit ihren kompositorischen Finessen war hier schlicht und einfach nicht zu hören. Stattdessen: ein einziger Klangbrei, in dem die Chorstimmen die Instrumente zwangsweise überlagerten, was ihr Mitspiel fast überflüssig machte. Wie jammerschade!

Der Titel des Konzerts lautete „Bach al dente“ – in Anbetracht der bekannten, seien wir erneut diplomatisch, auditiven Herausforderungen in St. Stephan ist dies natürlich ein Wagnis: Mögen die Künstler des Abends begnadeten Köchen gleich ein vorzügliches Menü kreiert haben – der „Kellner Akustik“ sorgte dafür, dass man keinen „Bach al dente“ vor sich hatte, sondern sämtliche Gänge vom Amuse-Gueule über Vorspeise, Hauptgang und Dessert bis hin zu Espresso und Grappa samt Wasser und begleitenden Weinen nicht nur zeitgleich, sondern auch zusammengerührt serviert bekam.

Hin und wieder konnte man sich daraus zwar ein paar schmackhafte Bissen herausklauben: etwa im Orchesterpart, den Elbipolis unter anderem mit dem fünften Brandenburgischen Konzert Bachs gestaltete und in dessen Affettuoso Solovioline und -flöte mit dem Cembalo musizieren oder in „Singet dem Herrn“, wo sich im Mittelteil die zwei vierstimmigen Chöre gegenüberstehen. Ansonsten stocherte man in diesem klanglich überladenen Buffet eher lustlos herum und musste musikalisch letztendlich ohne Abendbrot ins Bett.

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