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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Faszinierende Klangwelten

KIEDRICH (11. August 2016). Das Programm des Rheingau Musik Festival entsteht lange, bevor der erste Ton erklingt. Daher ist es entweder ein glücklicher Zufall, oder fast schon prophetische Gabe der Dramaturgie, dass bestimmte Konzerte ihr Auditorium für eine Zeit lang aus dieser momentan in Schieflage geratenen Welt mit ihren Problemen, Unruhen und Krisen zu entführen vermögen.

In Kloster Eberbach gelang dies mit einem Abend, der sich dem „Stabat mater“ widmete. Das Poem aus dem 13. Jahrhundert beschreibt in acht Strophen zu je drei Versen die Seelenpein der Gottesmutter am Stamm des Kreuzes und wandelt sich in weiteren zwölf in eine innige Andacht, in der die gläubige Seele zu Maria betet. Komponisten aller Generationen haben sich dieses Textes angenommen – es existieren über 50 Vertonungen.

Für dieses Konzert spannte der Gambist Vittorio Ghielmi den stilistischen Bogen von Josquin des Prez (1450-1521) bis zum 1935 geborenen Arvo Pärt, dem das Festival 2005 ein Komponistenportrait gewidmet hatte. Gestaltet wurde der Abend von Ghielmis Instrumentalkollegen Cristiano Contadin und Rodney Prada, dem Lautenisten Luca Pianca, Gesangssolisten sowie dem vierstimmigen Ensemble „Cuncordu de Orosei“, das das musikalische Erbe der sardischen Landbevölkerung pflegt.

So rustikal wie sich diese Beschreibung liest, hört sich die archaische, an die Paghjella, jenen kehligen korsischen Chorgesang erinnernde Intonation auch an. Belcanto oder Intonation stehen hier nicht im Mittelpunkt – wie auch: Einst wurden diese Gesänge von italienischen Bauern und Hirten angestimmt. Und doch hat die „Cuncordu“ einen besonderen Zauber, der vielleicht noch ergreifender ist als der des gepflegten und allzu reinen Vokalgesangs, verstärkt durch die altertümlichen Trachten, in denen die vier Männer hier auftreten: weiße Hemden mit Puffärmeln, Pluderhosen, breite Ledergürtel, Samtwesten und zu Hüten gewundene Stoffbahnen.

Als die Männer da einander zugewandt in der Mitte des Kirchenschiffs stehen und die traditionellen Gesänge ihrer Heimat anstimmen, da läuft einem ein wohliger Schauer über den Rücken. Dieser Gesang hat nichts Künstliches, er ist echt, kommt aus dem Herzen – und tief aus der Kehle: Über einem brummenden Bass erhebt sich leuchtend der Tenor des Vorsängers und plötzlich fächert sich der Ton in von unten angesungene und überraschend modulierende Akkorde auf. Diese Musik berührt, weil sie etwas Ursprüngliches, ja: etwas Ehrliches hat.

Dem kunstvolleren Wohlklang widmen sich an diesem Abend die wundervollen, traumhaft harmonischen Stimmen von Graciela Gibelli (Sopran), Carlos Mena (Countertenor) und Tore Tom Denys (Tenor) solistisch, als Duett und schließlich bei Pärt als Trio. Flankiert werden diese Darbietungen von kunstvoll musizierten Instrumentalwerken, in denen das Ensemble „Il Suonar Parlente“ seinem Namen alle Ehre macht, steht er doch für jene Spieltechnik der Alten Musik, in der die menschliche Stimme nachgeahmt wird.

Um die im Programm versprochenen „Faszinierenden Klangwelten“ zu erschaffen, braucht es eben oft überraschend wenig – oder wie Arvo Pärt es ausdrückte: „Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einzelner Ton schön gespielt wird.“

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