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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Fantastische Vier am Klavier

WIESBADEN (15. Juli 2016). „Es ist ganz cool hier“, grinst Mischa Cheung. Er und seine Kollegen vom Gershwin Piano Quartet sind von der Pracht der Räumlichkeit des neoklassizistischen Friedrich-von-Thiersch-Saals beeindruckt. Und von den Instrumenten: Vier Steinway „D-274“ – die Zahl steht für die Länge in Zentimetern – und damit das größte was die renommierte Klaviermanufaktur zu bieten hat, stehen auf der Bühne.

Zuhause übe man in einem aufgelassenen Straßenbahndepot, erklärt Cheung: „Auf vier vermoderten Flügeln.“ Das allerdings hat man offenbar zur Genüge getan, denn die Darbietung im Rheingau Musik Festival gerät zu einem festlichen Feuerwerk explosiver Spielfreude: Vier brillante Pianisten, vier vorzügliche Instrumente und eine Fülle von Ideen, wie man Klassiker der Musikgeschichte für diese Besetzung adaptieren kann.

Das Konzert beginnt mit der „Nussknacker-Suite“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Jeder der vier Künstler hat einen oder zwei Sätze arrangiert, was die Bandbreite der Kreativität klangvoll dokumentiert. Wie bei Bearbeitungen üblich hört man sattsam Bekanntes mit neuen Ohren. Die Szene „Im Tannenwald“ wird hier zu einem dunkelgrünen Wogen und im „Tanz der Zuckerfee“ imitiert das „Geklimper“ – hier darf man es tatsächlich so nennen – in den hohen Lagen perfekt das Glockenspiel. Gleich kommt der berühmte Marsch! Da war er, aber nur als kurzes Zitat. Schon geht es in den rauschenden „Trepak“.

Jede Adaption (gleich ob Partien aus „Leutnant Kishe“ von Sergei Prokofjew oder die „Rhapsody in Blue“ des Quartett-Paten George Gershwin) atmet diesen Geist der unvorhersehbaren Wendung – wer das Original hören möchte, braucht ja keine Bearbeitung. Natürlich bewegen sich diese „fantastischen Vier“ dabei stets in der erkennbaren Großarchitektur der Komposition, doch das finessenreiche Interieur ist ihre Aufgabe.

Erstmals zur Aufführung kommen der berühmte „Zauberlehrling“ von Paul Dukas und Teile der „West Side Story“ von Leonard Bernstein. Beeindruckend, wie spielerisch und brillant das Gershwin Piano Quartet den sinfonischen Klangkörper in die Resonanzräume Flügel bannt und dort wieder entfesselt. Hierfür greifen die Pianisten – übrigens wortwörtlich – ins Geschehen ein, dämpfen Seiten mit leicht ablösbarem Posterkleber, bringen sie durch aufgesetzte Adapter zum Schwingen, als streiche man mit einem Bogen darüber oder zupfen und schlagen den klingenden Stahl. Aber auch abseits der furiosen Effekte erlebt man wunderbare Momente, wenn in Cole Porters „Night and Day“ anfangs nächtliche Schatten gleichsam über die Bühne wehen.

Der musikalische Teamgeist ist unglaublich groß – das Talent des einzelnen jedoch auch. Jeder Pianist stellt in einem Solostück seinen ganz eigenen Stil vor: Mischa Cheung in einer vorwärts drängenden Bearbeitung einer Toccata von Aram Khachaturian, Benjamin Engeli mit der melancholischen „Pavane pour une infante défunte“ von Maurice Ravel, Stefan Wirth mit der stolzen „Triana“ aus „Isaac Albeniz‘ „Iberia“ und André Desponds mit einer swingenden Improvisation auf den Walzer cis-moll op. 64 Nr. 2 von Frédéric Chopin.

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