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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Erlesene Klangjuwelen

MAINZ (12. Juli 2016). Eigentlich versteht man unter der „blauen Stunde“ die Himmelsfärbung kurz nach Sonnenuntergang. In St. Stephan braucht es allerdings noch die letzten Strahlen Tageslicht, um den Kirchenraum in jenes besonderes Licht zu tauchen: Diese ganz eigene Stimmung, die die Chagall-Fenster dem Sakralraum in jener Zeit schenken, verspürten offenbar auch die Sänger von „Voces8“, die hier bereits ihr drittes Gastspiel im Rheingau-Musik-Festival gaben, das seinerseits in dieser Saison vier Konzerte in Mainz veranstaltet.

„Voces8“, das sind zwei Damen und sechs Herren, deren Stimmen schon einzeln von beeindruckender Güte sind. Zusammen jedoch erschaffen sie einen Klang von bestechend schlanker Homogenität und Transparenz, der alle dynamischen Schattierungen vom feinsten Pianissimo bis zum wuchtigen Forte abbilden kann. Besonders das filigrane Einfühlungsvermögen in die schwierigen akustischen Verhältnisse von St. Stephan bescherte dem Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten Gotteshaus ein Konzerterlebnis von erlesener Qualität. Durch Wechsel der Sängerpositionen im Kirchenraum schuf das Ensemble zeitweise sogar einen faszinierenden Surround-Effekt.

„Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ – das Motto der vokalen Soiree war der gleichnamigen Motette von Heinrich Schütz mit ihrer packenden Rhythmik entlehnt. Dabei beschloss „Voces8“ den ersten, an Höhepunkten bereits äußerst reichen Teil mit einem gestalterischen Geniestreich: Hätte man zuvor, beispielsweise bei Felix Mendelssohns „Engeln“, das Tempo ein wenig mehr drosseln können, um dem Klang die Möglichkeit zu geben, sich noch intensiver zu entfalten, arbeitete man bei Schütz mit so genauer (und überraschend akzentfreier) Diktion, dass der eigentlich ausufernde Klang faszinierend Kontur behielt. Chapeau!

Der Raum in St. Stephan eignet sich eben mehr für flächigen Gesang: So waren Thomas Tallis‘ „O Nata Lux“, Charles Villiers Stanfords „Beati quorum via“ oder das „Lay a Garland“ von Robert Lucas Pearsall mit seinen wohligen Reibungen weitere klingende Juwelen aus dem vokalen Collier, das „Voces8“ so bestechend gut zu Gesicht steht: Die perfekt harmonierenden Stimmen bilden einen muskulösen, gut trainierten Klangkörper, dessen vollendete Proportionen geschmackvoll zur Gehör gebracht werden.

Wie „Voces8“ Bögen aussingt, das ist schon ein Phänomen: Das mühelose Miteinander der Register, die glockenhellen Soprane, die Bässe mit ihrer blauschwarzen Eleganz, samtige Schlussakkorde, traumhaft seidige Melismen, warmes Leuchten und das geistige Durchdringen der Kompositionen von Sergei Rachmaninows „Bogoroditse Dyevo“ über John Taveners „Mother of God, here I stand“ bis zu Kate Rusbys „Underneath the Stars“ – aus diesem stabilen Material sind die Bausteine einer Klangkathedrale, in der man zur Ruhe kommen kann. Die schönsten Momente schenkte „Voces8“ mit den schlichtesten Akkorden.

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