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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Sensitive Streicherseligkeit

WIESBADEN (2. Juli 2017). Während sich in Hamburg die Demonstranten versammeln, um hoffentlich friedlich gegen den nahenden G20-Gipfel zu demonstrieren, hatte das Rheingau Musik Festival im Kurhaus zu einem Gipfeltreffen ganz anderer Großer eingeladen. Denn statt Staatschefs mit ihrer Entourage fanden sich hier fünf vor 20 Jahren bei der Geigerin Ana Chumachenco in München studierende Künstler ein, die mittlerweile selbst Solisten von Weltrang sind: Lisa Batiashvili, Veronika Eberle, Arabella Steinbacher, Daniel Röhn und Rudens Turku.

Sozusagen ein „Klassentreffen“, nur eben im gut gefüllten Thiersch-Saal: Ein Dreivierteljahr habe man intensiv daran gearbeitet, diesen „wohl einmaligen“ Geigengipfel zu terminieren, so Festival-Intendant Michael Herrmann. Auch die Werkauswahl von Vivaldi und Bach bis Mendelssohn und Grieg versprach einen spannenden Konzertabend, der tatsächlich keine Wünsche offen ließ – mal abgesehen davon, dass das wunderbare und zuvor angekündigte G-Dur-Konzert für vier Solo-Violinen von Telemann einer Programmänderung zum Opfer fiel.

Man hätte es nur zu gern gehört – wobei zwei der großartigen Künstler hier ja hätten beiseite stehen müssen und das Kurhaus vielleicht doch nicht der rechte Ort für dieses Werk gewesen wäre. Dafür aber gab es Bachs Konzert für zwei Violinen (BWV 1043), das einen ebenfalls überreich beschenkte: Röhn und Turku spielten die Partien gemeinsam mit dem formidablen Münchner Kammerorchester unter einem energiegeladenen Clemens Schuldt. Das verträumte Largo mit köstlich dosierten Schwellern und unglaublicher Zartheit eröffnete ein Stück Ewigkeit, so dass einen die Gattin dezent am Ärmel zupfen musste, weil man offenbar allzu verträumt dem wunderbaren Dialog der großartigen Geiger lauschte.

Quasi „im Klassenverband“ gab es Vivaldi – das F-Dur-Konzert (RV 567) mit Chumachenco, Batiashvili, Röhn und Turku sowie das bekannte h-moll-Konzert (RV 580) mit Batiashvili, Eberle, Steinbacher und Röhn. Wer war hier der Klassenbeste? Keiner, weil alle: Mit blutvollen Akkorden sowie höchst elegantem Wechsel zwischen klangintensiver Dichte und gläserner Transparenz wurde präzise und virtuos-beseelt die Logik der Kompositionen durchleuchtet. Gleiches erlebte man in Bachs Konzert für drei Violinen (Chumachenco, Eberle und Steinbacher), wobei hier der dritte Satz unter leichter Stimmtrübung litt – ein Nachjustieren vor dem finalen Allegro wäre nicht ehrenrührig gewesen.

Als Ecksätze spielte das Münchner Kammerorchester zu Beginn Mendelssohns erste C-Dur-Streicher-Sinfonie, ein geistvolles Jugendwerk mit luftig hingetupften Akkorden und strahlender Klangfarbe wie mit jähem Pinselstrich gestochen scharf auf eine straff gespannte Leinwand gemalt. Herrliche Binnendynamik bildete hier die mehrdimensionale Klangstruktur trefflich ab. Auch bei Griegs „Holberg-Suite“ feuerte Dirigent Schuldt seine Musiker zu einem Finale an, dass es nur so knisterte: So schwungvoll hat man den Klassiker selten gehört.

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