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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Pytagor, wenn nicht sogar synagog!

KIEDRICH (29. Juni 2017). In seiner Geschichte „Feine Hausmannskost“ beschreibt der brillante Satiriker Ephraim Kishon eine für ihn seltene Situation: Ihm gehen während eines Essens bei Freunden die Begriffe aus, um die Kochkunst der Gastgeberin zu loben; so erfindet er schlicht neue Adjektive wie „pytagor“ oder „synagog“. Und wer schon öfters Darbietungen von „Le Concert Spirituel“ unter dem ebenfalls grandiosen Hervé Niquet besprechen durfte, weiß, wovon Kishon schreibt: Irgendwann fehlen einem auch hier alternative Lobesworte.

Doch wie lässt sich überhaupt beschreiben, was man eigentlich erlebt haben muss? Dieses Strömen des Wohlklangs, das wie ein jäh aufflammender Sonnenstrahl durchs Kirchenschiff fließt und das Gemüt auf der einen Seite wärmt und beruhigt, auf der anderen Seite aber auch in helle Aufregung versetzt! Wie selten erlebt man derart lebendig interpretierte Alte Musik, die so frisch und vital klingt, als wäre die Tinte auf dem Notenpapier noch nicht trocken? Der Klang packt und hält einen fest, schüttelt und streichelt, berührt und erfüllt zutiefst.

Das Publikum wohnt einem musikalischen Gottesdienst bei, denn das Programm verknüpft Werke verschiedener Meister zu einer römisch-katholischen Messe mit Ordinarium und Proprium. Dankenswerterweise ohne Pause taucht man in die Musik von Monteverdi, Frescobaldi Palestrina und Benevoli ein, hört gregorianische Choräle in bestechender Präzision. Zwei Orchester (Holz- und Blechbläser, Streicher und Orgel) verschmelzen mit den unglaublich homogenen Chorstimmen zu einem Ganzen: Schwerelos und kontemplativ atmet die Darbietung eine unglaubliche Weite, die einen aus dem Hier und Jetzt löst und mit cremig-sattem Klang und samtiger Transparenz emporhebt und fortträgt.

Dirigent Hervé Niquet ist ein Meister seines Fachs, der die Dynamik pulsieren lässt und kluge Akzente setzt. Im stilistischen Magnetfeld zwischen Gregorianik, Renaissance und prunkvollem Frühbarock entsteht eine ergreifende Spannung – gleich ob unisono intoniert, fünfstimmig in Palestrinas „Pater noster“ oder mit 16 Registern in Benevolis „Magnificat“.

In der erwähnten Satire macht Kishon am Ende übrigens einen verheerenden Fehler und beanstandet eine Kleinigkeit (den Fruchtsalat), denn: „Wenn man nichts als Superlative verwendet, werden sie unglaubwürdig.“ Doch was ist an diesem Konzert zu kritisieren? Höchstens, dass es irgendwann vorbei war. Letztendlich begleiteten einen die Klänge jedoch auf dem Heimweg – und sind auch jetzt noch nicht ganz verhallt.

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