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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Schwarzer Soul für die weiße Seele

MAINZ – Lasziv hängt er da am Wannenrand, der Mann im weißen Zwirn und lächelt den Hörer seines neuen Albums „Wünscht Du wärst hier“ entgegen: Der Tournee-Stopp in der Mainzer Phönixhalle vermochte zwar nicht für ein ausverkauftes Haus zu sorgen, doch konnte sich Stefan Gwildis in der Publikumsgunst genauso genüsslich aalen wie im sanitären Oval während des Shootings für das CD-Cover.

Eine gute halbe Stunde lang musste das Publikum nach dem offiziellen Konzertbeginn allerdings noch auf seinen Star warten: Bevor der Barde den weißen Soul wie eine Welle ins Publikum schwappen ließ, durfte San Glaser mit ihrer dreiköpfigen Combo ihr neues Album „Never Road“ bewerben. Der Hörer kennt sie eher als Mitglied von Gwildis’ Background-Chor, auf den das Publikum an diesem Abend jedoch verzichten musste: Laut Glaser gab’s Zickereien und die Damen saßen bereits wieder im ICE nach Hamburg.

Aber auch ohne Hu-Summerinnen konnte Gwildis sein Publikum mitreißen, denn als er endlich die Bühne betrat, hielt es die Fans schon mit dem ersten Ton nicht mehr auf den Sitzen: „Tanzen über’n Kiez“ schallte es vielfach verstärkt durch die vox populi und am Rand des Gestühls wurde bereits kräftig abgehottet. Bei „Sie ist so süß“ ging Gwildis charmant auf Tuchfühlung und stellte, ganz die norddeutsche Plaudertasche, trotz Hallengröße so etwas wie Intimität her.

Nach dem ersten Medley präsentierte das singende Nordlicht dann die Nummern seiner aktuellen CD „Wünscht Du wärst hier“: „Wenn es weg ist“ behandelt als Adaption von Joni Mitchells „Big yellow taxi“ die zu spät erkannte Wertschätzung des Verlorenen, der Titelsong des Albums (den Gwildis seinem verstorbenen Vater gewidmet hat) die Sehnsucht und „Regennacht in Hamburg“ gibt den gewohnt kräftigen Schuss Lokalkolorit.

Auch wessen Antennen für Soulmusik nicht so recht geerdet sind, kann sich der Musik Gwildis’ kaum entziehen: Wie er seine Stimme zum kratzigen Schrei erhebt, sie in immer intensiver werdenden Crescendi aufbaut um im schartigen Glissando zum Ende der Textzeile abzustürzen, das hat seinen eigenen Reiz – genau wie die ins Deutsche übertragenen Soul-Klassiker nicht bloße Kopien sind sondern vitale Individualität atmen.

Nach einer guten Stunde wurde demokratisch über die Pause abgestimmt und die Hand voll Fans, die verschnaufen wollten, hatten das Nachsehen: Während sich die – durch die Bank weg brillanten – fünf Musiker der Band die Beine vertreten durften, stellte Stefan Gwildis seine solistischen Qualitäten unter Beweis und sang mit dem Publikum beeindruckend multitalentiert als vokale Ein-Mann-Kapelle ein kleines Wunschkonzert.

Zugegeben: Einige Texte auf der neuen CD wie das auf „Walkin in Memphis“ von Marc Cohn gesungene „Gestern war gestern“ sacken doch leicht ins poppig Schlagerhafte ab und erinnern eher an einen gut gelaunten Udo Jürgens mit einem Glas griechischen Weins in der Rechten als an den tiefschwarzen Gwildis früherer Jahre. Aber vielleicht ist das ja ein neuer stilistischer Wimpernschlag des samtigen Raubautz? Den weißen Anzug hat er ja bereits…

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