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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mal nebulös, mal transparent

MAINZ (11. Februar 2011). Ein Blick ins Programmheft des 5. Sinfoniekonzerts im Staatstheater Mainz offenbart eine anfangs unterhaltsam anmutende Dramaturgie: Nach der nur eine gute Viertelstunde dauernden Großen Fuge op. 133 B-Dur von Ludwig van Beethoven stand bereits die Pause an. Und doch machte das durchaus Sinn, denn dieses Werk hat es in sich – zumal das Philharmonische Staatsorchester Mainz unter der Leitung von Peter Hirsch als zweites Stück des Abends die ausladende und gut fünf Mal so lange 5. Sinfonie B-Dur von Anton Bruckner spielte.

Beide Werke stießen ihrerzeit ob ihres hohen Anspruchs zuerst auf Unverständnis: Beethovens Große Fuge hatte dieser ursprünglich als Finale seines Streichquartetts Nr. 13 komponiert, das mit Ausnahme ebendieses Satzes begeistert aufgenommen wurde. Bruckners Sinfonie hingegen war in der Uraufführung 1894 in einer von Franz Schalk gekürzten und teilweise uminstrumentierten Fassung zu hören, um das Publikum nicht zu überfordern. Die „echte“ Sinfonie erklang erst 1935, während Beethoven den umstrittenen Finalsatz seiner Komposition durch ein gefälliges Rondo ersetzte, um die Große Fuge als eigenständiges Werk zu veröffentlichen.

Opus 133 ist indes ebenfalls als Streichquartett konzipiert; in Mainz hingegen erklang es in einer sinfonischen Besetzung, was nicht ungefährlich ist: Eine derart verschachtelte Tondichtung verlangt die unbedingte Transparenz der Kammermusik – ein Anspruch, dem die Mainzer Musiker jedoch nur streckenweise gerecht wurden. In den einzelnen Instrumentengruppen nicht immer homogen genug tauchte das Orchester in diese „Große Fuge“ ein, die jedoch nicht barock im Sinne Bachs entworfen ist: Weniger als die Hälfte des Werks ist derart „streng“ auskomponiert, da Beethoven viele phantasievolle Variationen eingeflochten hat. Dessen Biograf Anton Schindler schrieb 1871 hierüber gar von der „höchsten Verirrung des speculativen Verstandes“. Als Fusion von Führung und Ausschweifung wies diese Musik 1826 bereits in die Zukunft.

Eine nicht minder „harte Nuss“ ist Bruckners 5. Sinfonie, in der die Mainzer Philharmoniker jedoch sehr viel mehr zuhause waren. Auch hier hat der Komponist einen phantastischen Kosmos erschaffen, der sich dem Publikum durch stringentes Spiel und emphatische Hingabe an die Musik erschloss. Akzentuierte, satte Tutti-Phrasen, elegant gestaltete Dialoge, tänzerisch schwebende Momente und jähe Stimmungswechsel rissen den Zuhörer mit der anfangs vermissten Transparenz hinein in Bruckners sinfonische Welt der berauschenden, kontrapunktischen Tonästhetik. Mit weit gefassten Bögen steuerte Dirigent Hirsch das Orchester sicher auf das majestätisch fließende Finale zu, in dem der Komponist nochmals die Themen aus den früheren Sätzen zitiert, bevor strahlendes Blech den feierlichen Choral intoniert. Das wiederum erinnert an Beethoven, womit die Musiker den Kreis dieses Abends kunst- wie klangvoll zu schließen verstanden.

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