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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Betörende Klangschönheit

WIESBADEN (28. März 2014). Sjaella, das Vokalensemble aus Leipzig, gründete sich bereits 2005 – da waren die Damen noch Mädchen und sangen, zwischen zehn und 13 Jahren jung, im Kinderchor der sächsischen Kirchengemeinde Markkleeberg-Ost. Aus der netten Idee gemeinsam zu musizieren kristallisierte sich alsbald der Wunsch, das auch professionell zu tun. Und spätestens mit der im vergangenen Jahr veröffentlichten CD „Preisungen“ hat Sjaella ohne jeden Zweifel bewiesen, welch kapitaler Fehler es gewesen wäre, diesen Wunsch nicht zu realisieren.

Ihr Debüt vor leider vielen leeren Bänken in der Wiesbadener Marktkirche geriet dennoch zum grandiosen Erlebnis für die Gekommenen. Zu Beginn schwebt der bestechend homogene Klang von oben auf’s Auditorium herab: „Salve regina“ von Javier Busto (*1949) singen Viola Blache, Franziska Eberhardt, Helene und Felicitas Erben, Marie Fenske und Marie Charlotte Seidel von der Empore im Chorraum. Und wie eine Kerze erhellt der mikroskopisch rein intonierte Klang den Raum, verschwindet zum Schluss hin in einem kunstvoll minimierten Decrescendo – faszinierender Einstieg in ein brillantes Vokalkonzert, das die stilistische Bandbreite von Sjaella aufzeigen wird.

Der erste Teil widmet sich der Sakralmusik: „Zieh ein zu Deinen Toren“ hat Paul Heller (*1991) mit der von Akkorden umwobenen schlichten Choralmelodie eigens für das Ensemble geschrieben. Und eben dieses Attribut ist Sjaellas Markenzeichen – schlicht: Ohne jegliche Affektiertheit, ohne Manierismen stellen die sechs vokalen Grazien einzig die Musik in den Mittelpunkt ihres Tuns, gehen vollkommen darin auf. Sie haben hör- wie sichtbar Freude, finden Erfüllung im gemeinsamen Singen und geben dies an den Hörer ohne Abzug weiter.

Was natürlich durch die nonchalante Professionalität des Sextetts verstärkt wird: Die höchst anspruchsvolle Rhythmik im „Osanna“ von Knut Nystedt (*1915), das transzendente „Alleluja“ von Randall Thompson (1899-1984), das „There is no rose“ des Amerikaners Joshua B. Himes (*1987), der Sjaella im Internet entdeckte und sofort den Kontakt suchte oder das „O salutaris hostias“ des Letten Eriks Esenvalds (*1977) – der Gesang des Ensembles gleicht einem Kaleidoskop, in dem sich der Klang in immer neuen Farben bricht. In wechselnden Aufstellungen bringt Sjaella jede Komposition voll zur Geltung. Hier ist nichts statisch, jeder Akkord lebt.

Zum zweiten Teil wird elegant mit John Dowlands „Come away“ oder den schnatternden Marktweibern (man ist ja am passenden Ort) im Cantus „Il est bel et bone“ übergeleitet: Auch in der U-Musik ist Sjaella mit Arrangements von Stings „Valparaíso“ und „Fields of gold“ oder Stevie Wonders „I just called to say I love you“ zuhause. Letztes Lied vor der Zugabe – einer betörenden Vertonung von Joseph von Eichendorffs Poem „O Du stille Zeit“ – ist ein Song von Victor Young: „When I fall in love, it will be forever.“ Wer Sjaella hört, muss – eigener Ehering hin oder her – ein Herz aus Stein haben, wenn er nicht zumindest klanglich genau das empfindet.

Lesen Sie hierzu auch die Rezension der aktuellen CD „Preisungen“ von Sjaella: http://schreibwolff.de/tip/sjaella-preisung

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