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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Passion mit romantischem Pathos

MAINZ (1. April 2017). Nachdem Domkapellmeister Karsten Storck „seine erste“ Johannespassion vor zwei Jahren aufgeführt hatte, dirigierte er das Bach-Werk jetzt an zwei aufeinanderfolgenden Abenden als sechstes Sinfoniekonzert des Mainzer Theaters. Zu Gast im Dom musizierte das Philharmonische Staatsorchester mit der Domkantorei und den Männerstimmen des Mainzer Domchors, Dorin Rahardja (Sopran), Geneviève King (Alt), Thomas Volle (Evangelist) und Philipp Nicklaus (Arien) sowie Florian Küppers (Christus) und Stephan Bootz (Pilatus und Arien).

Im Vergleich zur Matthäuspassion mit Doppelchor und zwei orchestralen Klangkörpern kommt das Schwesterwerk eher schlank daher – weniger dramatisch hat Bach das Passionsgeschehen aber nicht vertont. Die Komposition lässt den Aufführenden gar keine andere Wahl, als mitten ins Geschehen zu „platzen“. Storck nutzte diesen Impuls für eine lebendige Wiedergabe ohne Längen, wofür vor allem die bestens vorbereitete Domkantorei sorgte: Die Chöre sowie die Turba-Partien gelangen effektvoll und packend, die Choräle wurden stimmig ausgedeutet und anrührend intoniert.

Nur gelegentlich legte Storck etwas viel romantisches Pathos hinein, wie etwa beim arg ausladenden Ritardando des Schlusschors. Anderes berührte hingegen nachhaltig, so die Reprise des Chorals „Wer hat Dich so geschlagen?“, in der die Seele ihre Schuld er- und bekennt: „Ich, ich und meine Sünden.“ Das sang der Chor a cappella – ein genialer, weil unter die Haut gehender Einfall. Ansonsten schwelgte man in transparenter Harmonieseligkeit – trotz oder gerade wegen einer stattlichen Besetzung.

Das Philharmonische Staatsorchester ist kein Barockensemble und musiziert nicht auf historischen Instrumenten. Wer hier jedoch von vornherein sein Verdikt fällte, tat dem Klangkörper Unrecht: Das Spiel war durchhörbar, sauber und ging vor allem mit dem Chor parallel. Nur in der Bass-Arie „Eilt, ihr angefochtnen Seelen“ geriet man etwas ins Schwimmen. Natürlich mochte dem einen oder anderen das historische Klangideal fehlen – an Deutlichkeit der einzelnen Register ließen es die Instrumentalisten hier jedoch nicht fehlen.

Die Solisten überzeugten hingegen unterschiedlich: Waren Rahardja und King zu sehr in den Notentext vertieft und gestalteten ihre Partien ohne allzu große Anteilnahme, machten Nicklaus und Küppers vor, wie es geht: Der Tenor sang seine Arien kraftvoll und gleichsam hermeneutisch, die Christusworte verströmten in ihrer Abgeklärtheit eine unantastbare Autorität, was den Kreuzestod letztlich als umso gravierenderes Geschehen erscheinen ließ. Bootz und Volle intonierten klangvoll, der Evangelist jedoch streckenweise mit etwas zu viel Tremolo und Druck, letztendlich aber als ambitionierter Erzähler.

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