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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Überzeugend in allen Registern

MAINZ (7. August 2012). Sie scheint zu tanzen, die Flöte: Sie hüpft auf den Saiten der Laute wie auf einem Schwebebalken, windet sich um die Akkorde wie um eine Reckstange, springt, läuft – fast atmet das Spiel schon olympischen Geist. Doch gegeneinander sind Stefan Temmingh (Blockflöte) und Axel Wolf (Laute) in St. Antonius natürlich nicht angetreten. Das Gegenteil war der Fall: In elegant harmonischem Zusammenspiel sorgen sie in St. Antonius für einen weiteren Höhepunkt im Mainzer Musiksommer.

Und da der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, klassische Musik im klassischen Raum zu präsentieren, setzt das Duo mit Werken unter anderem von Diego Ortiz (~1510-1570), Albert de Rippe (1480-1551), John Dowland (1562-1626), Johann Schop (1590-1667) sowie Bartolomé de Selma y Salaverde (1595-1638) seine Akzente in Renaissance sowie Frühbarock. Mit dieser stilistischen Melange begeistern die Künstler ihr Publikum, das die Frische der Interpretation mit lautem Applaus goutiert.

Der junge Flötist Stefan Temmingh hat in Axel Wolf einen melodischen Begleiter gefunden, dessen Lautenspiel gleichsam Leinwand und Grundierung für die farbige Tonsprache der Blockflöten ist: Mit warmem, rundem Ton bläst Temmingh Ortiz‘ „Recercada Tercera“. In den folgenden Stücken geht es mal hochvirtuos her, mal schmiegt sich die Flöte in den samtigen Klang der Laute. Das Instrument, das in der Renaissance vor allem auch Liedbegleiter war, kann unter den Händen eines Axel Wolf selbst Geschichten erzählen, was ihm in der variantenreichen Passacaglia von Alessandro Piccinini (1566-1638) fesselnd gelingt.

Das Spiel von Stefan Temmingh beweist indes: Die Blockflöte hat ihren festen Platz vor allem in der barocken Musik. Gerade ihre Leichtigkeit geht ihren Schwestern, der Travers- oder Querflöte zuweilen ab. Der Interpret des Abends aber überzeugt in allen Registern: Im Bass gefällt er mit sattem Klang, im Alt und Tenor mit kräftigem Forte, im Sopran fehlt ihm jedes Schrille, er schafft überraschende Echoeffekte – das Spiel von Temmingh und Wolf besticht vor allem durch seine Vielfältigkeit. Reich an Verzierungen gleicht keine Wiederholung der anderen: Hier hört man Musik für den Augenblick, die aus dem Moment heraus entsteht. Das gilt vor allem für sattsam Bekanntes: „Greensleeves“ aus unbekannter Feder oder „Les Folies d’Espagne“ von Marin Marais (1656-1728) gelingen abwechslungsreich und mit galanten dynamischen wie agogischen Verzierungen.

Wenn man Temmingh beim Spiel beobachtet scheint es, als wolle er kopfüber in die Partitur eintauchen, so intensiv saugt er den Impetus der Notation auf. Dabei verleiht er seiner Interpretation einen fast schon mehrdimensionalen Charakter, denn seine Einwürfe scheinen von überall her zu kommen. Und so ist der Titel eines Stücks des Niederländers Jacob van Eyck (1590-1657) nur eine rein rhetorische Frage: „Wat zalmen op den Avond doen?“ – zu Deutsch: Was sollen wir heute Abend machen? Zuhören und genießen – Stefan Temmingh und Axel Wolf sind hierfür Garanten.

SWR2 sendet einen Konzertmitschnitt am 24. November 2012 an 20.03 Uhr.

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