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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ensemblegesang in Vollendung

RÜDESHEIM – Zum letzten Konzert der Saison 2009 präsentierte das Rheingau Musik Festival in der Abtei St. Hildegard mit dem Deutschland-Debüt des Ensemble „Stile Antico“ ein Adventskonzert von berückender Schönheit.

„Veni Emmanuel“ erklingt es aus dem Chorraum der voll besetzten Abteikirche: Im Halbrund haben sich die 13 Sängerinnen und Sänger von „Stile Antico“ aufgestellt und intonieren den gregorianischen Choral zuerst als Bass-Solo, dann in der Schola, im Diskant, Tutti unisono, schließlich als Chorsatz. Und schon mit dem ersten Ton ist man hellwach, wie elektrifiziert: Wer singt da so unglaublich schön?

„Stile Antico“ ist ein junges Ensemble aus Großbritannien, von dessen Mitgliedern wohl kaum eines die 30 Jahre erreicht haben dürfte. Und doch präsentiert sich hier ein Vokalensemble, das mit allen Wassern gewaschen und das alle Tricks und Kniffe zu kennen scheint – kurz: „Stile Antico“ setzt auch in jungen Jahren Maßstäbe, an denen sich selbst die Größen der Vokalszene die Zähne ausbeißen dürften.

Im Rheingau sang der Klangkörper ein meditatives Programm aus Werken von John Taverner, William Byrd, Nicolas Gombert und John Sheppard, die sich um Sätze aus der „Missa Puer natus est“ von Thomas Tallis rankten.

Und egal, ob die Sänger unisono intonieren, als Frauensextett mit Tenor in Gomberts „Magnificat Primi Toni“ ihre Stimmen erheben oder in berauschender Polyphonie schweben – stets trifft einen ihr Gesang wie ein wärmender Lichtstrahl frontal. Dabei raubt einem die unbedingte Transparenz dieses Klnagkörpers schier den Atem.

Das Ensemble steht gemischt und kommuniziert für das Publikum kaum sichtbar: die Schlankheit der Bässe, die blutvollen Soprane, die eleganten Tenöre, die Weichheit der Altstimmen – hier singen drei Stimmen mit der Kraft von vielen. Jedes Mitglied ist dabei mit einem Organ gesegnet, das für sich genommen mit schlichtem Wohlklang besticht, solistisch im zarten Pianissimo oder kraftvollen Forte intoniert und sich dann aber in einen Gesamtklang fügt, der Raum und Zeit zu unbedeutenden Dimensionen schrumpfen lässt.

Hier und jetzt hört man in sphärischer Dichte Tallis‘ „Gloria“, vernimmt man die Einsätze federleicht, als stapfe eine Katze durch frisch gefallenen Schnee. Mit diesem Gesang darf sich der Zuhörer fallen lassen und fühlt sich von den Schallwellen umspült, auf ihnen davongetragen – man badet im Klang.

Fast mag man sich einen verpatzten Einsatz, eine hörbare Intonationstrübung oder eine falsche Absprache wünschen, um sicher zu sein, dass hier Menschen aus Fleisch und Blut singen. Denn dass die Mitglieder von „Stile Antico“ in diesen Momenten hart arbeiten und hochkonzentriert unglaublich Großes leisten, hört man wohl – ansehen kann man es den jungen Musikern in keinem Moment. Sie strahlen einen an und verinnerlichen somit das, was sie gerade in das Kirchenschiff geschickt haben: Geschmeidige Noblesse mit elegantem Ton, der im Ensemble um ein vielfaches potenziert wird. Hier hört man Ensemblegesang in Vollendung.

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