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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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In Siebenmeilenstiefeln durch die Rockmusik

MAINZ (21. Februar 2016). Man kommt sich vor, als flöge Supermann über einen hinweg: Ist es ein Vogel oder ein Flugzeug? Auch bei der SWR1-Show „Hits & Stories“ weiß man nicht genau: Ist es ein Konzert oder eine unterhaltsame Vorlesung in Musikgeschichte?

Doch so, wie Supermann helfend eingreift, ist man auch an diesem Abend wunschlos glücklich über diesen Mix aus fulminantem Live-Spektakel und geballter Information, unterhaltsam und eindringlich erzählt vom Musikexperten Werner Köhler.

SWR1-Hörer kennen das Konzept von „Hits & Stories“ aus den täglichen Sendungen: Köhler greift sich einen bestimmten Song heraus und erzählt seine Hintergrundgeschichte. Mal spannend, mal kurios, mal anrührend ist das, was ihm die Stars selbst oder beispielsweise der Tourbus-Fahrer der Band Lynard Skynard berichtet haben. Hierbei ist man den Idolen von A wie Abba bis Z wie Led Zeppelin ganz nahe, danach gibt’s dann die Mucke.

Im Mainzer Unterhaus, dessen Foyer sich als Konzerthalle großer Rockevents akustisch allerdings nur bedingt empfiehlt, kommt das alles natürlich nicht aus der Konserve, sondern wird live aufgeführt. Werner Köhler erzählt – doch auch, wenn man die eine oder andere Geschichte Tage zuvor schon im Radio gehört hat: Vor Ort erlebt man das Ganze ungeheuer präsent, zumal das „Musikbeispiel“ danach ja ebenfalls live gespielt wird.

Coverbands gibt es viele und immer müssen sie den Spagat zwischen Originaltreue und eigenem Impetus wagen. Die Band „Pop History“ ist angetreten, um Bands wie den Rolling Stones oder Simple Minds sowie Stars wie Elvis Presley oder Joe Cocker so nah wie möglich zu kommen. Bloße Kopien werden dabei dennoch nicht gespielt. Aber es ist schon beeindruckend, wie täuschend echt Sänger Peter Kühn, der mit Köhler zusammen auch das Konzept der Show entwickelt hat, die Stars imitiert: Augen zu und man wähnt sich mitten vor den großen Konzertbühnen der Welt. Kühns Cocker ist exzellent.

Im Hintergrund laufen zuweilen schöne Slide-Shows, beispielsweise bei „Sweet home Alabama“ oder „The Rose“, von Bette Midler einst zu einem Film über die große Janis Joplin gesungen. Die Bilder, die man von der 1970 an einer Überdosis Alkohol und Heroin gestorbenen Sängerin sieht, gehen einem schon unter die Haut – vor allem, wenn Helen Forster dann noch (wie im Original unbegleitet) „Mercedes Benz“ anstimmt.

Man erfährt, dass Beatle Paul McCartney auf „Yesterday“ in Ermangelung eines Textes anfangs stets nur von „scrambled eggs“ (Rührei) gesungen hat, wie sich die beiden Stimmen von Jennifer Warnes und Joe Cocker während der eilig produzierten Aufnahme von „Up where we belong“ plötzlich magisch vermischten, wem Joy Fleming 1969 in Frankfurt fast die Show stahl und dass Freddy Mercury der Queen-Hit „Crazy little thing called Love“ in der Badewanne einfiel.

In Siebenmeilenstiefeln schreiten Werner Köhler und die Band „Pop History“ durch die Epochen der Rockmusik. Erst nach drei Stunden ist Schluss. In dieser Zeit ist man vielen Stars begegnet. Und wem der eine oder andere „Auftritt“ fehlte, kann alle Folgen von „Hits & Stories“ bei SWR1 im Internet nachlesen.

Bei diesem Konzert warnte der Sender davor, dass der Schallpegel von 85 Dezibel überschritten würde und empfahl daher das Tragen der angebotenen Ohrstöpsel. Auf die Frage, warum man denn nicht gleich etwas leiser spiele, erklärte ein SWR-Mitarbeiter, dass sich Zuschauer in der Vergangenheit gerade darüber beschwert hätten. Mit der (ausgehängten) Hörschutz-Empfehlung schütze man sich daher auch vor etwaigen Regressansprüchen: Ab 85 Dezibel drohen nämlich – bei längerer Einwirkung – Gehörschäden.

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