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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Eintauchen ins sinfonische Klangmeer

MAINZ (10. Juli 2016). 70 Jahre Johannes-Gutenberg-Universität Mainz bedeuten auch 70 Jahre Collegium musicum: 1946 realisierte Prof. Dr. Arnold Schmitz als Direktor des musikwissenschaftlichen Instituts die Idee, hier einen eigenen vokalen wie instrumentalen Klangkörper ins Leben zu rufen. Insofern war das jüngste Konzert von UniChor und UniOrchester, wie sich die beiden Ensembles des Collegium musicum nun nennen, auch ein Geburtstagsfest.

Hier jedoch war der Jubilar nicht der Beschenkte, sondern zweifelsohne das Publikum in der ausverkauften Rheingoldhalle: Zur hören war neben Felix Mendelssohns Konzertouvertüre Opus 27 „Meeresstille und glückliche Fahrt“ thematisch passgenau die Mainzer Erstaufführung der „Sea Symphony“ des englischen Komponisten Ralph Vaughan Williams (1872-1958) – ein Werk von berauschender Klangpracht und packender Tiefe.

Die erste Sinfonie des Künstlers wurde 1914 in London uraufgeführt und vertont Gedichte des amerikanischen Poeten Walt Whitman – einer breiteren Öffentlichkeit hierzulande sicherlich auch durch den Film „Club der toten Dichter“ mit Robin Williams in der Hauptrolle („Oh Käpt’n, mein Käpt’n!“) bekannt geworden. Whitman beschreibt in seinen Versen das Meer und die Schiffe, gedenkt der ums Leben gekommenen Seeleute, betrachtet einen nächtlichen Strand sowie das Spiel der Wellen und ergeht sich schließlich in religiös-transzendenten Gedanken zur See. Vaughan Williams hat diese Texte auf eine mit unmittelbarer Wucht packende Art und Weise in Musik übersetzt, dass sich Hörer wie Interpreten zuweilen inmitten der schäumenden Urgewalt fühlen.

Man kann es Prof. Felix Koch als künstlerischem Leiter des Collegium musicum gar nicht hoch genug anrechnen, dass er sich mit seinen Musikern in diese kaum aufgeführte Musik buchstäblich versenkt hat. Gemeinsam mit den herausragenden Solisten Saem You (Sopran) und Hans Christoph Begemann (Bariton) gestalteten UniChor und UniOrchester diese Musik und ergründeten ihre fesselnde Erhabenheit zutiefst. Wie Chor und Solisten hier im Wechsel musizierten, sorgte für anrührende Gänsehautmomente – ein Klangbad, das den Stolz der Seefahrer ebenso plastisch abbildete wie den Respekt vor dem Meer. Atemberaubende Modulationen, dynamische Rhythmik – Vaughan Williams‘ Musik atmet eine ungeheure Weite. Durch diese Klänge kommt der Hörer dem Dichter unglaublich nah. Und durch die Interpretation des Abends rückte man Walt Whitman noch ein Stückchen näher.

178 Sängerinnen und Sänger standen hier auf der Bühne und intonierten erstaunlich homogen – überraschend vor allem daher, weil 58 Sopran- und 82 Altstimmen nur 14 Tenöre und 24 Bässe gegenüberstanden! Doch Felix Koch ist nicht nur ein inspirierter Dirigent, sondern auch ein inspirierender Pädagoge, der sein „Instrument“ aus UniChor und UniOrchester bestens kennt, lenkt und auslotet. Dass es sich hier um Ensembles aus engagierten Laienmusikern handelt, kann man angesichts der beseelten Konzert-Qualität nur immer wieder bestaunen. Als nächstes Projekt steht im Februar 2017 die „Messa da Requiem“ von Giuseppe Verdi auf dem Programm.

Kurioserweise wird die äußerst selten aufgeführte „Sea Symphony“ von Ralph Vaughan Williams in diesem Jahr in der Rhein-Main-Region mehrmals musiziert: Nach Konzerten des Collegium musicum in Kaiserslautern und Mainz kann man diese Musik auch am 4. September in Kloster Eberbach erleben, wenn die Philharmonie Merck ihr 50-jähriges Bestehen begeht. Aufführende sind dann außerdem Máire Flavin (Sopran), Duncan Rock (Bariton) sowie die Darmstädter und Frankfurter Kantorei unter der Leitung von Joseph Bastian.

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