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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Stimmung satt durch Stimme pur

FRANKFURT-HÖCHST – In ihrem Song „Zwischenbilanz“ feixen die Wise Guys gegen alle, die „uns ungefragt kopieren und es permanent probieren, uns Ideen wegzuklauen“. Über das Stadium – übrigens bewusst – die Lieder der Kölner zu covern, ist die fränkische A cappella-Boygroup Viva Voce schon lange heraus und hat sich mittlerweile zu einem äußerst homogenen Klangkörper mit jugendlichem Verve entwickelt. Im ausverkauften Neuen Theater Höchst war dies einmal mehr zu erleben.

Sie können gar nichts dagegen tun, dass man Vergleiche anstellt. Doch da sich Leistung und Charakter der Gruppe schnell als etwas durchaus Eigenes herausstellen, macht das sogar richtig Spaß. Ein Unterschied zu bestehenden Ensembles ist vor allem die Brillanz der Stimmen: Dass Jörg Fischer, Bastian Hupfer und David Lugert schon seit ihrer Jugend im Windsbacher Knabenchor auf musikalische Höchstleistung fixiert sind, ist die eine Seite der Medaille. Die andere trägt zu einer fruchtbaren Melange bei: Tenor Mateusz Phoutavong (kurz MaTe) und Bass Heiko Benjes ergänzen und erweitern das Trio zum perfekten Quintett.

Nach der pfiffigen Weihnachts-CD „Wir schenken uns nix“ setzt Viva Voce im aktuellen Programm „Tapetenwechsel“ auf eine gewohnt akustisch und choreographisch gelungene Mixtur aus gut gecoverten Songs von Robbie Williams, The Buggles, der Spider Murphy Gang oder Queen, Medleys mit persönlichem Zungenschlag und natürlich eigenen Liedern, in denen sich Anspruch, Niveau und Unterhaltung mit Musikalität, Groove und Stilsicherheit paaren, um auf den tausend Füßen des Ohrwurms schnurstracks den Gehörgang entlang zu marschieren.

Was den A cappella-Gesang von Viva Voce – der Name ist durchaus Programm – ausmacht, zeigen die fünf Freunde anschaulich und inspirierend: Heikos Bass beeindruckt durch Vibes, die wohlig dafür sorgen, dass sich die Härchen in der Ohrmuschel aufrichten und Jörg gibt dermaßen genial die Sound-Machine mit ihren Drums und Beats, dass man fast zweifeln möchte, ob der Mann nicht irgendwo synthetisch verstärkt wird.

Doch das trifft ebenso wenig zu wie bei allen anderen Band-Mitgliedern, denn Stimme pur macht Stimmung satt: Beau David und Clown Basti spielen sich die vokalen Bälle mit lupenreiner Intonation zu und MaTe als der Benjamin von Viva Voce steht den einstigen Sängerknaben stimmlich in nichts nach. Die aktuelle Besetzung ist perfekt, zeigt im Vergleich mit früheren Einspielungen, dass Viva Voce die vokale Mitte gefunden hat.

Von hier aus wird durchgestartet: „Let me entertain you“ heißt das erste Lied nach dem Opener und gibt die Marschrichtung des Abends vor, der in verdienten Standing ovations enden wird. Tom Jones‘ „It‘s not unusual“ allerdings entpuppt sich schnell als Understatement, denn Viva Voce ist alles andere als „nicht unüblich“: Liebeslieder, Songs mit kabarettistischem Anflug wie zu den allgegenwärtigen Spam-Mails, ein offenes Wort an den Chef, das für beunruhigend begeisterte Reaktionen aus dem Publikum sorgt und brandaktuell der WM-Titel „Vier Sterne für Deutschland“ wechseln mit einem völlig asynchron hüpfenden Basti in Phil Collins‘ „I can’t dance“ oder der Madonna-Persiflage aus „Like a prayer“ und „Like a virgin“.

Und gerade hier demonstriert sich die wandlungsfähige Qualität von Viva Voce: Basti und David intonieren jeweils einen der Songs und lassen ihre Band-Kollegen immer wieder zwischen Prayer und Virgin hin und her switchen. Diese gespielte Zerrissenheit setzt jedoch ein blindes Vertrauen auf die unbedingte Einheit des Ensembles, schlicht Können voraus.

Doch auch der wohlmeinendste Kritiker findet – natürlich – sein Haar in der Suppe. Übrigens das gleiche wie bei den Wise Guys: Der Bass hat viel zu wenig Soli…

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