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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Kraftvolles Spannungsfeld

BINGEN (21. Juli 2011). Stellt man barocke Musik zeitgenössischen Klängen gegenüber, spricht man von einem „Cross-over“, auch wenn zwischen der Musik beispielsweise Johann Sebastian Bachs (1685-1750) und Kompositionen vielleicht von Volker David Kirchner (*1942) gerade mal rund 300 Jahre liegen. 500 sind es hingegen bei Hildegard von Bingen (1098-1179) und Don Carlo Gesualdo da Venosa (1566-1613): Ihre Werke fasste jetzt das Konzert des Vocalconsorts Berlin unter der Leitung von James Wood anlässlich eines Auftritts in der Binger Basilika zu einem interessanten Kompendium zusammen.

Mit „Heiliges Feuer“ hatte RheinVokal das Konzert überschrieben und somit die Be-weggründe der Komponisten beschrieben: Hildegard von Bingen spürte die göttliche Erleuchtung und suchte in ihren Musiken das Gesehene niederzuschreiben, wohingegen Don Carlo Gesualdo da Venosa hin- und hergerissen war zwischen Himmel und Hölle, Glaube und Zweifel. Woher mag er seine Inspiration erhalten haben?

Gleiches fragte man sich zu Konzertbeginn den Klang betreffend: Woher kommt er, denn das Vocalconsort hatte den Altarraum noch nicht betreten. Vom linken Seitenschiff her wehte das „Miserere“ Gesualdos aus dem 1611 entstandenen „Responsoria, et alia ad officium hebdomadae sanctae“ herüber.

Diese Musik aus Schola- und Tutti-Gesängen geriet zu einem meditativen Kreisen, in dem man leicht die Zeit vergessen konnte. Hier schlug das Vokal-Ensemble die qualitativen Pflöcke ein, in deren Geviert aus Homogenität, Transparenz, reinster Intonation und tiefer Empfindung ein Konzert von herausragender Qualität entstand.

Die zwölf verschieden besetzten Motetten aus den von Dirigent James Wood vervollständigten „Sacrae Cantiones II“ aus dem Jahr 1603 mit ihrer polyphonen Verwobenheit standen dabei alternierend den von sechs Frauenstimmen unisono intonierten Sequenzen Hildegards von Bingen gegenüber.

Das dadurch aufgebaute musikalisch-geistige Spannungsfeld erlangte dabei seine Energie, indem die reinen, sich auf- und abschwingenden Melodien der Visionärin einen ergreifenden Kontrast zum reibungsreichen Motetten-Stil Gesualdos mit seinen abenteuerlichen Modulationen bildeten. Zum Schluss waren wiederum nur die Töne zu hören: Aus dem Seitenschiff erklang das „Benedictus“ von Gesualdo.

Ein Radiomitschnitt dieses Konzerts wird am 1. November 2011 (Allerheiligen) ab 20.03 Uhr auf SWR2 gesendet.

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