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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wie im Himmel

EBERBACH – Bachs Johannespassion im Hochsommer? Warum nicht, gilt das besungene Geschehen doch nicht nur an Gründonnerstag, Karfreitag und -samstag, sondern 365 Tage im Jahr. Und wenn BWV 245, wie jetzt zum Rheingau Musik Festival, von so herausragenden Interpreten gesungen wird, beantwortet sich die Frage von allein.

Eine andere ist keine: Selbstverständlich hat jede Aufführung Verbesserungspotenzial. Das Ziel der Perfektion will und darf doch eigentlich nie erreicht werden, ist man dann doch musikalisch wortwörtlich am Ende. Immer neue Horizonte zu eröffnen ist daher auch selbst gewählte wie vornehmste Pflicht – und Kür! – von Karl-Friedrich Beringer und dem Windsbacher Knabenchor. Sie gastierten jetzt mit Bachs Johannespassion in Kloster Eberbach und wurden hierbei vom Münchner Kammerorchester und einem erlesenen Solistenquintett aus Sybilla Rubens (Sopran), Rebecca Martin (Alt), Markus Schäfer (Tenor), Thomas Laske (Bass, Christus) und Christian Gerhaher (Bass, Arien) begleitet.

Langsam erhebt sich der Eingangschor mit dem Anruf „Herr, unser Herrscher“. Das verhaltene Tempo überrascht anfangs, doch Beringer setzt auf intensiv ausgesungene Spannungsbögen und denkt keineswegs in Abschnitten. Verunsichert klingen die Beter, als könnten sie das Passionsgeschehen, das sie in den nächsten zwei Stunden so eindringlich besingen werden, kaum fassen. Die Textzeile „In der größten Niedrigkeit“ ist nurmehr ein fahles Glimmen der Knabenstimmen – gespenstisch.

Evangelist Markus Schäfer überzeugt mit markantem Tenor und Thomas Laske gibt den Christus zwar respekteinflößend, aber auch resigniert. Sybilla Rubens wirkt in ihrer Arie „Ich folge Dir gleichfalls mit freudigen Schritten“ wie die einher hüpfende Unschuld vom Lande, während Rebecca Martin „Von den Stricken meiner Sünde“ eng verwoben mit den Instrumentalisten singt. Christian Gerhaher intoniert als Arien-Bass vor allem das Arioso „Betrachte, meine Seel‘“ mit bezauberndem Liebreiz und mimt als Pilatus – hier vor allem in den Dialogen mit Thomas Laske – kernig, theatralisch und überzeugend den starken Mann.

Natürlich waren es auch in dieser Johannespassion die Choräle, die Beringer wieder jeden für sich zu wahren Kunstwerken formte – und formen ließ: Das laszive Eingeständnis, „mit der Welt in Lust und Freuden“ gelebt zu haben, die verschämte Frage „Wer hat Dich so geschlagen?“, das „betrübte Marterheer“, den Christus, der „verlacht, verhöhnt und verspeit“ ist oder das Händeringen in „Ach großer König“ – der Chor versenkt sich vollkommen in den vertonten Text und singt eindringlich, ohne auch nur einen Augenblick manieriert zu klingen.

Noch viel deutlicher wird das in den Turba-Chören: Mit der Frage „Bist Du nicht seiner Jünger einer“ rücken die Sänger einem fast physisch auf den Pelz und man fühlt sich beklemmt in die Ecke gedrängt, obwohl der Chor doch viele Meter von einem entfernt steht. Und wie unsympathisch diese Selbstgerechtigkeit klingt, wenn die Menge argumentiert: „Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten Dir ihn nicht überantwortet.“ Indigniert distanzieren sie sich: „Wir dürfen niemand töten.“ Unglaublich feige berufen sie sich auf ihr Gesetz, devot beugen Sie das Haupt: „Wir haben keinen König denn den Kaiser.“ Und nonchalant zischen sie Pilatus zu: „Lässest Du diesen los, so bist Du des Kaisers Freund nicht.“

Eine derart eindringliche Interpretation der Chorpartien ist tausend Mal besser als jeder Versuch, eine Bach-Passion szenisch darzustellen. Es reicht hier übrigens, Beringers kantiges Dirigat dieser Chöre von hinten zu sehen, um sich vorzustellen, wie er als Agitator, als Demagoge sein „Volk“ anstachelt, das dann hasserfüllt die Kreuzigung fordert.

Die Würfel im Knobelbecher klickern, als die Soldaten über den Rock Jesu das Los werfen. Doch als dieser bereits am Kreuz hängt, wird das Geschehen auf Golgatha plötzlich in ein ätherisches Licht getaucht: Schon halb entrückt klingt der Choral „Er nahm alles wohl in acht“ und sphärisch das die Bass-Arie „Mein teurer Heiland“ untermalende „Jesu, der Du warest tot“. Immer schwächer wird das „Ruhet wohl“, bevor der Windsbacher Knabenchor mit dem Schlusschoral „Ach Herr, lass Dein lieb‘ Engelein“ für sein Publikum das Dach der Basilika durchdringt und gen Himmel weist: „Herr Jesu Christ, erhöre mich, ich will Dich preisen ewiglich.“ Totenstille und dankbarer Applaus.

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