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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Kölner A cappella-Gruppe Wise Guys auf „frei!“-Tour: Ein Höhepunkt mit vielen Höhepunkten

MAINZ – Ihr aktuelles Album „frei!“ ist sofort von 0 auf Platz 2 der deutschen Albumcharts geschossen. Und wenn man die fünf Kölner in einem ihrer mitreißenden Konzerte erlebt, fragt keiner warum. In Mainz sorgten die Wise Guys jetzt für eine ausverkaufte (und unbestuhlte!) Phönixhalle. Auch das wundert nicht.

Auf einem ihrer ersten Alben haben die Wise Guys, die allein regierenden Herrscher über den deutschen A cappella-Pop, ein anrührendes Lied mit dem schlichten Titel „Die Comedian Harmonists“ eingesungen. Und auch, wenn man die Stile der beiden Formationen kaum miteinander vergleichen kann und die Wise Guys alles andere als steif befrackt die Bühne betreten, so haben sie doch eines gemeinsam: Wie weiland der ersten deutschen Boy-Group fliegen auch den fünf Kölnern die Herzen ihrer Fans zu und selbst in der größten Halle kommt so etwas wie familiäre Kumpanei auf.

„Jetzt und hier“ heißt eines der Lieder an diesem Abend und beschwört das gute Gefühl, den Augenblick mit guten Freunden intensiv zu erleben. Da ist der Applaus, den der smarte Sari erntet, als seine Kollegen mitteilen, dass er gerade Vater geworden und somit das zwölfte „Wise Guys-Kind“ angekommen ist, auch nicht nur höfliche Fußnote, sondern kommt von Herzen.

Überhaupt: Sari, Dän, Eddi, Clemens und Ferenc, diese Fünf mit dem Charme der „Lümmel von der ersten Bank“ entsprechen so gar nicht dem, was man allgemein hin unter einem Popstar versteht. Und vielleicht macht sie das ja gerade zu welchen mit offenbar ewigem Haltbarkeitsdatum. Wenn sie sich als „zusammengecastete“ Truppe vorstellen, in der jeder als Magnet für einen bestimmten Frauentyp ausgewählt wurde, schwingt die Selbstironie das Zepter.

Dass gelegentlich der Ton nicht mitspielt und den gesungenen Text durchlöchert, ist egal: Hier können sowieso fast alle die Verse mitsingen, was sie auch begeistert tun. Das ironische „Jeden Samstag“ geht ebenso ins Ohr wie das durchaus kritisches „Quäl dich fit“ oder das energiegeladene „Alles in die Luft“. Eingängige Modulationen, vitale Rhythmen und punktgenaue Intonation sind nach wie vor die Markenzeichen dieser Truppe. Kleine und feine, vor allem aber gut dosierte Moderationen runden das Konzert stimmig ab.

Sympathisch gehen die Wise Guys auf Tuchfühlung und das nicht nur während des postkonzertanten „Afterglow“; nach dem dritten Lied erfolgt traditionell die Publikumsbefragung, die in der Tat interessante Ergebnisse liefert: Kaum einer kannte die Wise Guys bisher nicht, über die Hälfte ist zum ersten Mal da, nur ein Viertel sind Mainzer und ein anderes hat mehr als 50 Kilometer Weg zurückgelegt, um an diesem Abend dabei zu sein.

Qualität spricht sich eben rum und gerne erinnern sich die Wise Guys an ihr erstes Mainz-Konzert im Frankfurter Hof, den sie heute gleich eine ganze Woche bespielen könnten.

Choreografie und Lichtspektakel sind ebenso stimmig wie die Homogenität des „Männerchors“. Und wenn Ferenc mit seinem tiefen Bass den pointierten neuen Song „Seemann“ singt, dann fühlt sich das Trommelfell von der samtigen Präsenz dieser vollen Stimme liebevoll gebauchpinselt. Warum wird dieses Organ eigentlich dazu verdonnert, meist nur den Bass-Beat zu intonieren?

Die Show hat keinerlei Höhepunkte, sie ist ein einziger – und doch gibt es auch hier immer noch Steigerungen. Mit einem brillanten Feuerwerk aus Klang, musikalischem Esprit und geist- wie niveauvoll formuliertem Witz singen die Wise Guys nach gut zwei Stunden den letzten Titel des offiziellen Parts: „Schiller“, eine neu getextete Coverversion von Michael Jacksons „Thriller“. Eindringlicher und effektvoller ist die „Bürgschaft“ wohl nie rezitiert worden. Das ist fast schon lehrplanverdächtig!

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