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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Raketen unterm Kirchendach

KIEDRICH (12. Juli 2012). Jeder Interpret klassischer Musik wird sich sicherlich schon einmal gefragt haben, was der Komponist des Werkes, das er gerade spielt, wohl zu seiner Adaption sagen würde: vielleicht begeistert applaudieren oder sich gar kopfschüttelnd abwenden?

Es gibt Ensembles, da mag man glauben, Bach oder Händel kämen begeistert auf die Bühne gerannt und würden die Musiker verzückt umarmen: beispielsweise die barocken „Piraten“ von „Red Priest“ um Piers Adams oder das Ensemble „Il Giardano Armonico“ unter Giovanni Antonini. Ganz sicherlich gehört auch das Zefiro Baroque Orchestra von Alfredo Bernardini dazu, das jetzt in Kloster Eberbach im Rahmen des Rheingau Musik Festivals ein barockes Fest feierte: mit Händels „Music for the Royal Fireworks” (HWV 351), den zwei „Concerti „a due cori“ (F-Dur, HWV 333 und B-Dur, HVW 332) sowie dem Concerto grosso C-Dur „Alexanders Feast“ (HWV 318).

Doch Bernardini muss gar nicht sogleich „Lunte legen“, denn das Zefiro Baroque Orchestra begeistert in jedem Takt dieses Konzerts mit barockem Esprit. Was vor allem daran liegt, dass dieses Ensemble wie ein atmender Organismus musiziert: Hier kann nichts ohne das andere sein und zusammen wird ein transparenter Klang von berauschender Reinheit und sattem Kolorit erschaffen – sowohl in den kammermusikalischen Passagen von betörender Schlichtheit als auch im erhabenen Tutti.

Schwungvoll gerät das Pomposo im F-Dur-Concerto, lebendig disputieren die Oboen mit den Fagotten und im dritten Satz blitzt Händels „Messiah“ auf: „Lift up our heads“, schließlich hat auch der Hallenser viele seiner Werke recycelt. Das Largo gerät atmosphärisch und spürbar dicht, das Allegro man non troppo hat fast schon etwas swingendes und im finalen A tempo ordinario kommunizieren die Oboen so vital, dass man fast vergisst, hier „nur“ Instrumente zu hören.

Gleiches gilt für „Alexanders Feast“: Das Dialogisieren der Violinen von Ayako Matsunaga und Massimo Spadano erinnert an zwitschernde Vögel, die den ätherischen Klang des Violoncello von Gaetano Nasillo und das akzentreiche Tutti umflattern. Man mag sich gar nicht satt hören an dieser Barockmusik: Auch im B-Dur-Concerto hört man den „Messiah“, diesmal „And the Glory of the Lord“; das Menuett lässt einen im Geiste durch das Konzertgestühl tanzen.

Und dann wird’s heiß – auch ohne Pyrotechnik: Mit Trommelwirbel und gleißenden Akkorden des Cembalo beginnt die Ouvertüre, denn wo andere gleich das ganze Feuerwerk abbrennen, zögert Bernardini den Beginn sekundenlang hinaus, um dann mit großer Eleganz in die „Feuerwerksmusik“ einzusteigen. Und hier zündet er ein akustisches Geschoss nach dem anderen, was Kloster Eberbach sinnlich mit Klang ausleuchtet: Festlich erstrahlt die Bourée und in den Menuetten werden die Themen von den flimmernden Trompeten über die strahlenden Hörner und die agilen Streicher zu den wendigen Holzbläsern wie ein Staffelstab weitergereicht. So grandios musiziert versteht man diese Musik als das, was sie eigentlich ist: keine Untermalung für Böller und Raketen, sondern Musik für die Ewigkeit.

Das Konzert wird vom Deutschlandfunk am 6. September 2012 um 21.05 Uhr im Rahmen der Reihe „Festspielpanorama“ gesendet.

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