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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Klangjuwelen des Frühbarock

Keine Chance: Nachdem die 15 Motetten von Johann Staden (1581-1634) – eine Weltersteinspielung seiner „Kirchenmusik I“ durch den Windsbacher Knabenchor – verklungen sind, findet man kaum Worte, um das eben Gehörte zu beschreiben.

Man fühlt sich wie vor einem großformatigen Gemälde von Hieronymus Bosch, so viel gibt es zu entdecken in dieser Musik. Sie wurde neu editiert und anlässlich des Eröffnungskonzerts der Internationalen Orgelwoche Nürnberg (ION) 2014 nach Jahrhunderten erstmals wieder am Ort ihrer Entstehung aufgeführt.

Martin Lehmann, seit 2012 Künstlerischer Leiter des renommierten Windsbacher Knabenchores, öffnet auf seiner bei dhm (deutsche harmonia mundi) erschienenen Debüt-CD mit den jungen Sängern eine Schatztruhe voller vokaler Juwelen des Frühbarock. Wer Heinrich Schütz mag, wird Johann Staden mit seinen opulent besetzten Tutti- und filigranen Solo-Passagen, Echo- und Fernchören sowie sinfonischen und kammermusikalischen Partien lieben.

Die „Kirchenmusik I“ aus dem Jahr 1625 fügt die Polyphonie des 16. Jahrhunderts mit der venezianischen Mehrchörigkeit zu einem berauschenden Tongemälde. Stadens Motetten sind ein vitales Glaubensbekenntnis protestantischer Provenienz und scheinen der Windsbacher Strahlkraft wie auf den Leib geschrieben.

Neben den exquisit agierenden Ensembles für Alte Musik Concerto Palatino und Capella de la Torre erlebt man ein Solistenquartett, das die Musik unbedingt in den Vordergrund stellt: Hana Blazikova (Sopran), Alex Potter (Altus), Satoshi Mizukoshi (Tenor) und Dominik Wörner (Bass) geleiten den bislang kaum beachteten Staden elegant ins auditive Rampenlicht. In den sich teilweise bis zur 14-Stimmigkeit aufspreizenden Motetten wirken dabei zahlreiche Chorsolisten mit, die ihren Kollegen aus dem Profifach mit klanglicher Juvenilität so ebenbürtig sind, dass man schon nachlesen muss, wer wann wo einsetzt.

Diese auf einer ergänzten Live-Aufnahme basierende CD ist schlicht großartig: Alte Musik klingt neu und frisch, lebendig und mit inbrünstigem Nachdruck. Die Verständlichkeit der durchgehend deutschen Texte ist brillant und ohne jeden übertriebenen Affekt. Berührend versteht Martin Lehmann es, die musikalischen wie inhaltlichen Aussagen Stadens ins Heute zu übersetzen. Eine exzellente Aufnahmetechnik sorgt dafür, dass man sich mitten im Klangkörper wähnt, wenn man die vielstimmigen Chöre und Instrumente von nah und fern hört.

Motetten von Johann Staden: Hana Blazikova, Alex Potter, Satoshi Mizukoshi, Dominik Wörner, Windsbacher Knabenchor, Concerto Palatino, Capella de la Torre, Martin Lehmann (Leitung); deutsche harmonia mundi (88875042942)

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