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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ein behutsam packender Erzähler

Von Johann Wolfgang Goethe stammt die Charakterisierung der Novelle, nach der sie „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ ist. Ihr folgt Bruno Jonas mit seinen Erzählungen „Bis zum Hals“. Er wolle kein weiteres Buch abliefern, in dem alle ihr Fett abbekämen, sinniert der Kabarettist im Nachwort. Stattdessen meldet er sich auf 238 durchweg gut geschriebenen Seiten zu Wort – mit leisen Tönen und damit umso stimmgewaltiger.

Statt Kabarett also Geschichten, die das Leben schreibt. Oder besser: schreiben könnte. In zehn kurzen Episoden, die sämtlich im imaginären Humboldskirchen zwischen München und Österreichs Grenze spielen, stellt Jonas Personen vor, die alle eines eint: Ihnen steht es „bis zum Hals“. Da ist ein an Demenz erkrankter Auftragskiller, der sich nicht mehr an seine Opfer erinnern kann, das Mütterchen am Ende seines Lebens, der Alte, der sich zum Sterben hinlegen will, der inhaftierte Banker, der frustrierte Steuerbeamte.

Diese Menschen, miteinander verbunden oder als Randfigur durch die folgenden Geschichten geisternd, bilden ein spannendes Panoptikum: der Boulevard-Journalist, der ein neues Herz bekommt, dadurch ein besserer Mensch wird und aus seiner alten Welt katapultiert wird; der ehrgeizige Berufspolitiker CSU-Listenplatz nicht für den Wiedereinzug ins Parlament reicht; der frühpensionierte Geschichts- und Lateinlehrer, der am Bildungssystem zerbrach und nun zu einem Klassentreffen eingeladen wird; der Busfahrer, der angesichts eines Lottogewinns sein bisheriges Leben ernüchternd bilanziert.

„Bis zum Hals“ kommt mit feinem, nachdenklichen und zuweilen melancholischem Witz daher, geht jedoch stets über die Pointe am Schluss der Geschichte hinaus: Das Erzählen ist Jonas wichtiger. Dabei webt der Kabarettist aktuelle Themen behutsam ein. Zur Sprache kommt die Organspende, wenn der Chefredakteur seiner darniederliegenden Edelfeder ein Herz aus China besorgen will: „Wenn da einer zum Tode verurteilt ist, dann wird er ratzfatz exekutiert. Und da gibt es jede Woche frische Organe.“ Falsche Doktoren tauchen auf oder die Schuldenkrise beschert dem griechischen Gastwirt Dimitri Papadakis eine traumhafte Karriere bis zum Staatspräsidenten in Athen.

Bruno Jonas ist auch in seinen Kabarettprogrammen alles andere als ein moralinsaurer Mahner. Sein Spott enthält trotzdem immer auch eine Botschaft. Ist es denn tatsächlich so, dass Fortuna an allem schuld ist? „Dann hat das Schicksal eben das Falsche aus mir gemacht: Bäckermeister, Kraftfahrer, Busfahrer, das ist alles falsch“, grübelt der freudlose Lottomillionär. „Wem das Wasser bis zum Hals steht, der kann den Kopf nicht mehr in den Sand stecken“, sagt der korrupte Banker in seiner Zelle. Bruno Jonas rät eher dazu, sich umzuschauen und auf die Überraschungen des Lebens einzulassen, die es trotz manch verpasster Chance bereithält.

Bruno Jonas: Bis zum Hals; Blessing, ISBN 978-3-89667-370-1, 240 Seiten gebunden, 17,59 Euro (auch als Audio-CD erhältlich)

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