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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Singet dem Herrn ein neues Lied [sic!]

Schon der Titel erzeugt Spannung: „Cantate Domino canticum novum“, die lateinische Übersetzung des deutschen Psalmworts „Singet dem Herrn ein neues Lied“ – kommen dem Vokalmusik-Liebhaber hier wahrscheinlich eher die Motetten von Johann Sebastian Bach oder Heinrich Schütz in den Sinn, widmet sich die vierte CD des Kammerchors „I Vocalisti“ jedoch ausschließlich der Chormusik des 20. und 21. Jahrhunderts.

Das Terrain ist für das Ensemble nicht neu: Bei Rondeau, wo der aktuelle Tonträger erschienen ist, hatte man 2011 bereits eine CD mit Werken aus der gleichen Epoche produziert. Nun aber singt der Chor unter Leitung von Hans-Joachim Lustig zwölf ganz verschiedene Werke mit ein und demselben Titel: eben „Cantate Domino“ oder „Singet dem Herrn“. Dies nimmt „I Vocalisti“ also durchaus wörtlich, wobei hier sieben spannende Auftragskompositionen des Chores und damit Weltersteinspielungen zu hören sind.

Die von Dirigent Hans-Joachim Lustig ins Feld geführte „lange Tradition des titelgebenden Psalmworts in der Kirchenmusik“ wird hier bewusst gegen den Strich gebürstet, denn mit jeder Komposition werden die bekannten, musikalischen Pfade bewusst verlassen. Schon die „Ouvertüre“, das „Cantate Domino“ von Uģis Prauliņš (*1957), eines der Auftragswerke aus dem Jahr 2015, überrascht mit Obertongesang von Anna-Maria Hefele. Statt überschäumender Polyphonie breitet „I Vocalisti“ einen flächigen Klangteppich aus und erinnert im schließlich doch jubelnd aufgefächerten Klang an das gesprochene Wort.

Überhaupt ist das Ensemble in puncto Intonation, Klangfülle, Homogenität und Diktion über jeden Zweifel erhaben. Zusammen mit dem Oberton-Gesang, der einem in Hans Schanderls (*1960) 2016 für den Chor komponierten und in Michael Ostrzygas (*1975) zeitgleich für „I Vocalisti“ geschriebenen Stück erneut begegnet, wird der Hörer in bisher eher unbekanntere Klanggefilde geführt, die zu erkunden seinen besonderen Reiz hat.

Langsam anschwellender Gesang wie in „…Singet…“ von Thomas Hofmann (*1958), ebenfalls eine der Auftragskompositionen aus dem Jahr 2000, die Motette von Ostrzyga, die das wortwörtlich verzaubernde Obertönen Anna-Maria Hefeles mit Sprechgesang verbindet oder das mitreißende „Cantate Domino“ von Vytautas Miškinis mit seinem sphärischen Impetus: Das präsentierte Kompendium der kompositorischen wie klanglichen Dimensionen ist schon für sich genommen beeindruckend, doch besticht vor allem auch die Stilsicherheit, mit dem „I Vocalisti“ (mit den hier zu hörenden Solisten aus den eigenen Reihen) die einzelnen Werke durchdringt. Jähe Tempowechsel und anspruchsvolle Intervallsprünge fordern viel von den Interpreten, was diese jedoch mit hörbarer Musizierfreude meistern.

Nun ist ein Programm, das sich in Gänze mit zeitgenössischer Vokalmusik beschäftigt, immer auch eine heikle Sache, denn dem Hörer fehlt natürlich jeder Bezug auf Bekanntes, Vertrautes. Ist fast jede CD gegenüber dem Live-Erlebnis im Hintertreffen, bietet indes gerade das Konzept dieses Tonträgers die Möglichkeit, sich mit anfangs fremden Chorklängen durch wiederholtes Hören bekannter zu machen und sie dadurch immer mehr zu begreifen. Somit leistet auch diese Einspielung nicht zuletzt einen wichtigen Beitrag bei der Pflege und Verbreitung neuerer Musik.

Cantate Domino canticum novum: Der Kammerchor „I Vocalisti“ sowie die Obertonsängerin Anna-Maria Hefele singen unter der Leitung von Hans-Joachim Lustig Werke u.a. von Distler, Elberdin, Hofmann, Ostrzyga und Schanderl; Rondeau Productions Leipzig (ROP6123)

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