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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Nachdenken und lauthals lachen

Allein vom Titel her ist der Veröffentlichungs-Zeitpunkt für die neue CD von Lars Reichow eine absolute Punktlandung, denn der Silberling heißt wie das aktuelle Live-Programm, aufgenommen während des diesjährigen Da-capo-Festivals im Alzeyer Schlosshof: „Freiheit!“. Die lässt sich der Mainzer nicht nehmen.

Der Kabarettist geht ein großes Thema an, um es in rund 75 Minuten von vielen Seiten her zu beleuchten. Dabei entdeckt er frappierende Widersprüche: vom „App-Song“, der die vermeintliche Freiheit behandelt, die den Nutzer doch immer mehr knechtet, bis zur intim-gefühlvollen Ballade „Durch Deine Liebe“, die anrührend aufzeigt, wie aus der Bindung an ein Gegenüber echte Freiheit erwachsen kann. Zwischen diesen Polen spannt Reichow den Faden, an den er immer wieder anknüpft.

Wie frei ist man in einem Wohnmobil? Und welche Einschränkung bedeuten die Füße eines pubertierenden Sohnes? Ist der Gebrauch eines Kaffeevollautomaten nicht vielmehr eine Fessel durch die Programme vom Mahlen bis zum Entkalken, von der Geltungssucht im Bekanntenkreis ganz zu schweigen? Wie frei ist man von Vorurteilen: Reichow zetert gegen die Videos seltsam gewandeter Jugendlicher, die (in sicherlich geklauten Autos) dem Sprechgesang frönen, um dann selbst einen fulminanten „Rap 50“ anzustimmen. Und was macht man an einem freien Tag? Der Kabarettist beantwortet die Frage mit einem rasanten Erlebnisbericht, mit dessen Duktus er dem verehrten Hanns-Dieter Hüsch eine kleine, liebevolle Reminiszenz erweist: Der 2005 gestorbene Kabarettist wäre in diesem Jahr 90 Jahr alt geworden.

So brandaktuell wie heute war das Flüchtlingsthema zum Zeitpunkt der Uraufführung von „Freiheit!“ und auch der CD-Aufnahme noch nicht, aber Reichows thematisches Triptychon „Das Boot“, „Willkommen in Deutschland“ und „Diktatoren leben länger“ geht dem Hörer beunruhigend nahe: Ein Glas Wein, während man im Fernsehen Boat-People untergehen sieht, der Biedermann, der sich im breitesten Rheinhessisch als Brandstifter erweist und ein deutlicher Protestsong – gerade diese Tracks fesseln.

Nachdenklichkeit und gute Unterhaltung, die auch lauthals lachen lässt – wem die aktuellen Kommentare, mit denen Reichow einen Liveauftritt garniert, und das obligatorische „Mainz-Lied“ nicht fehlen, der erlebt mit der CD „Freiheit!“ einen imaginären Kabarettbesuch, der Lust auf mehr macht.

Lars Reichow: „Freiheit!“, Liveaufnahme vom Da-capo-Festival im Sommer 2015 in Alzey, erschienen bei lachland.ltd., LC-18487

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