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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Sjaella“ heißt Seele

Die Einspielung von Motetten aus der Feder von Hugo Distler mit „Sjaella“ und dem „Ensemble Nobiles“ vereint neben dem Totentanz zehn weitere Motetten des 1942 gestorbenen Komponisten – in unvergleichlich intensiver Klangschönheit, klug und mit Herz musiziert.

Als das Ensemble „Sjaella“ – zu Deutsch: Seele – mit seiner ersten gleichnamigen CD herauskam, hatte sich das graziöse Sextett bereits einen festen Platz im Herzen seiner Zuhörer konzertiert. Der Tonträger vereint geistliche Musik wie Pop-Songs – und die allzu bunte Mixtur war das einzige, was hieran stören hätte können. Denn hier hört man sechs junge Frauenstimmen, die so perfekt miteinander harmonieren, sich so leicht und locker miteinander mischen, dass man meint, dieses Ensemble sei vokal miteinander verwachsen. Und so ganz trügt dieser Schein nicht, denn sie sind tatsächlich miteinander singend groß geworden.

Wie groß, zeigt die aktuelle CD mit Motetten von Hugo Distler (1908-1942), um seines 70. Todestages zu gedenken – passenderweise hört man natürlich auch den Totentanz, jene 14 Spruchmotetten zum Totensonntag für gemischten Chor und Sprecher. Hierfür und für zehn weitere drei- und vierstimmige Motetten hat sich „Sjaella“ mit einem maskulinen Pendant, dem „Ensemble Nobiles“ zusammengetan. Produkt dieser Liaison ist eine Aufnahme von unglaublich hoher Qualität, die Klangschönheit, Reinheit in schlichter Selbstverständlichkeit, ja Perfektion darstellt: Hier wird die Musik durchdrungen, erfasst, begriffen – und diese Erkenntnis vom Interpreten an den Hörer weitergegeben.

Die CD beginnt mit der gleichsam programmatischen Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“, in der die Stimmen die kantigen Einsätze glasklar intonieren. Und schon hier muss man sich stets vor Augen halten, dass es „nur“ elf Sängerinnen und Sänger sind, die man hier hört. Sie verschmelzen jedoch zu einem kraftvollen Ensembles aus Stimmen, deren Jugend und Professionalität eine gestochen scharfe, unglaublich homogene Interpretation ermöglichen.

Der „Totentanz“ steht im Zentrum des Tonträgers, für den man neben den Vokalstimmen unter anderem und vor allem mit Heinz-Martin Benecke als des Schnitters Organ charakteristische Sprecher gewinnen konnte: Theatralisch und geradezu plastisch entsteht hier in Dialogen zwischen den Protagonisten und dem Chor die Prozession von Tod, Kaiser, Bischof, Edelmann, Arzt, Kaufmann, Landsknecht oder Jungfrau, die im Auftritt des Kindes gipfelt: Sphärisch entschwebt „die Seele, welche hier noch kleiner ist als klein“; der vierzehnte Spruch beschließt den „Totentanz“ in tiefer Demut.

Punktgenaue Parallelbewegungen, Intervallsprünge, schwebender Diskant, traumhaft klare Diktion und strahlend leuchtender Klang – all jene Merkmale finden sich auch in den anderen Stücken, darunter „Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit“, „Das ist je gewisslich wahr“, „O Mensch, bewein dein‘ Sünde groß“, „In der Welt habt ihr Angst“ oder „Ich wollt, dass ich daheime wär“. Zwei Motetten stechen dabei besonders heraus: Der zärtliche Cantus „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ für drei gleiche Stimmen, interpretiert von „Sjaellas“ Damen – packend dicht geführt, dabei jedoch transparent und innig gelingt hier eine ergreifende Miniatur; ebenso bewegend fällt die Passionsmotette „Fürwahr, er trug unsre Krankheit“ für gemischten Chor mit ihren Reibungen und Modulationen sowie der gestochen scharf ausgesungenen Fuge aus, was einen in diese Klänge hinabtauchen lässt.

Sjaella & Ensemble Nobiles: 1908-1942 – Hugo Distler; Rondeau Productions ROP6068

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