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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wie im Himmel

Zuweilen fällt die Besprechung einer CD schwer, weil das Gehörte einem erst mal Atem und Worte gleichermaßen raubt: Der dritte Tonträger des Ensembles Sjaella aus Leipzig gehört zweifelsohne dazu und man muss sich nach dem letzten Stück regelrecht fassen.

„Preisung“ lautet der schlichte Titel und eröffnet einen berauschenden Kosmos von bislang unerhörter Güte: Sechs individuell herausragende Frauenstimmen finden hier ohne jeden Affekt einen vollkommenen und doch ergreifend natürlichen Gesamtklang, der seinesgleichen sucht.*

Die 14 Stücke der vorliegenden CD sind Sjaella wortwörtlich auf den Leib geschrieben, teilweise eigens für diese Einspielung: Der Hörer wird also Zeuge, wie Kunst entsteht, denn die Komponisten kennen die Qualitäten dieses Ausnahmeensembles und loten seine Vielseitigkeit genauestens aus. Volker Bräutigam, Paul Heller, Ekkehard Meister, David Timm und Simon Wawer stehen hier neben Hugo Distler, Ola Gjeilo, Knut Nysted und Randal Thompson: Choralbearbeitungen, Motetten, Psalmen. „Preisung“ weist dabei mühelos den Weg aus der Misere, dass es für Frauenstimmen so wenig Originalliteratur gibt – allein das ist ein Verdienst dieser CD, die höchste (und schier unerreichbare) Qualitätsmarken setzt.

Anrührend, innig, betörend – jedes Attribut erfasst das Glück, das einem das Hören schenkt, nur unzulänglich: „Preisung“ ist intimer Gottesdienst, Gebet und Predigt zugleich. Alte Choräle werden in neues tonales Gewand gehüllt, was ihren Sinn unmittelbar in heutige Sprache übersetzt: Im zarten Licht leuchtet der Cantus firmus durch die Modulationen des „Halleluja“ in Hellers Adaption von „Zieh ein zu Deinen Toren“ und funkelnde Cluster in Meisters „Nun ruhen alle Wälder“ stehen Nystedts „I am my brother’s keeper“, der bewegenden Vertonung eines zutiefst humanistischen Gedichts von Amy Greubel, gegenüber.

Mittelpunkt der CD ist Bräutigams „Preisung CXLVIII“, eine Umsetzung von Psalm 148, worin faszinierende Tonfiguren den Lobpreis geradezu plastisch erklingen lassen. Davor hört man Gjeilos schwereloses „Ubi caritas“ wie eine wärmende, tröstende Umarmung. Der auch technisch perfekt aufgenommene Tonträger birgt 14 vokale Diamanten, in denen Sjaella das Licht tonal einfängt und sich in tausend klanglichen Facetten spiegeln lässt. So klingen wohl himmlische Heerscharen.

Sjaella: „Preisung“ – Vokalmusik des 20. und 21. Jahrhunderts für sechs Frauenstimmen; Label Querstand, VKJK 1312

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