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Weit mehr als Klavierstunden

Gibt man im Internet Peter Cornelius ein, landet man zuerst nicht beim 1824 in Mainz geborenen und 1874 dort verstorbenen Komponisten, sondern beim österreichischen Liedermacher gleichen Namens, der mit Hits wie „Du entschuldige, I kenn Di“ oder „Reif für die Insel“ wahrscheinlich weitaus größere Bekanntheit erreichte als sein älterer Namensvetter. Ist allerdings vor Ort die Rede von Peter Cornelius, dann natürlich vom großen Sohn der Stadt: Hier gibt es in der Stadtbibliothek ein Peter-Cornelius-Archiv, eine Büste am Drususwall und einen nach ihm benannten Platz sowie eine Straße in der Neustadt; man findet sein Grab auf dem Hauptfriedhof und das Land Rheinland-Pfalz ehrt seit 1951 Musiker mit der Peter-Cornelius-Plakette.

An einem Ort jedoch ist sein Name omnipräsent (auch wenn dort wahrscheinlich öfters Musik anderer Komponistenkollegen gespielt wird): Seit 1882 gibt es in Mainz ein Konservatorium, das, anfangs privat betrieben, 1920 von der Stadt Mainz erworben wurde. Seinen Namen erhielt das Peter-Cornelius-Konservatorium, dessen Geschichte auf der Homepage der Einrichtung detailliert geschildert wird, in den 1930er-Jahren. Mittlerweile spricht man vor Ort eigentlich nur noch vom „PCK“. Der 200. Geburts- und 150. Todestag des Mainzer Komponisten ist also Grund genug, mal im 2008 bezogenen Neubau am Binger Schlag vorbeizuschauen.

Fragt man Dr. Gerhard Scholz nach den Instrumenten, die man am PCK erlernen kann, ist die Antwort kurz: alle. „Es gibt tatsächlich keins, das wir nicht anbieten“, sagt der Direktor der städtischen Einrichtung nicht ohne Stolz. Von Elementarer Musikpädagogik über Blas-, Streich-, Zupf- und Tasteninstrumente bis zu Schlagzeug und Gesang: Über 4.500 Schülerinnen und Schüler zwischen drei Monaten und über 80 Jahren werden hier aktuell von rund 130 ausgebildeten Musikpädagogen (Voll- und Teilzeitkräfte) unterrichtet: zum einen interessierte Laienmusiker und zum anderen spätere Berufsmusiker und Musikpädagogen, für die es eine eigene Studienabteilung gibt. Unter den Hobbymusikerinnen und -musikern glänzt das PCK darüber hinaus regelmäßig mit einer hohen Zahl an Teilnehmenden am Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Man scheint hier also vieles richtig zu machen.

Als eines von bundesweit fünf Konservatorien hat das PCK gleich mehrere Merkmale, die es auszeichnet: So wirkt man nicht nur im eigentlichen Stammhaus, sondern mit dem von der Strecker-Stiftung und weiteren Trägern geförderten Projekt „Singen ist klasse“ in Mainzer Grundschulen, womit man über tausend Kinder erreicht. Auch in anderen Schulen ist man mit musikalischen Angeboten präsent und erzielt nachweislich große Erfolge mit Musik als Mittel der Sozialisierung. Zudem streckt man am PCK bereits jetzt seine Fühler in einem Feld aus, das die Arbeit der Musikschulen künftig mitbestimmen wird: Ab 2026 haben Grundschulkinder bundesweit unter der Woche einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung. Das mag heute zwar noch wie Zukunftsmusik klingen, doch im PCK beschäftigt man sich bereits intensiv mit der Partitur, um sozusagen pünktlich zum Anfangsakkord mit einem entsprechenden Angebot am Start zu sein: „Wir wachsen nach innen, aber auch nach außen, um der Stadt Mainz bei der Betreuung dieser Kinder zu helfen“, versichert die stellvertretende Direktorin Carina Stamm.

Das PCK war in der Vergangenheit zuweilen Spielball der Politik, doch aktuell zweifelt keine Fraktion an der Wichtigkeit der Einrichtung, die mit einem Etat von zwei Millionen Euro jährlich Elementares leistet: So fördert das Erlernen eines Instruments bewiesenermaßen die motorische und kognitive Entwicklung. Das Gehirn wächst mit seinen Aufgaben und die Wissenschaft hat nachgewiesen, dass beispielsweise Musiker unter Schlaganfallpatienten weitaus schneller genesen. Musizieren ist also schlicht gesundheitsfördernd und präventiv. Auch trägt das Ensemblespiel, das am PCK mit vielen Angeboten gepflegt wird, zur Charakterbildung eines Menschen bei. Und nicht zu vergessen: „Musikmachen ist einfach ein Riesenspaß“, betont Direktor Scholz.

Besucht man eine der jährlich rund 150 Veranstaltungen des PCK vom Klassenvorspiel bis zum Solo- oder Ensemblekonzert, die sich in puncto Anspruch nicht verstecken müssen, kann man die Summe aller Vorzüge einer musikalischen Ausbildung in vollen Zügen erleben – also nicht nur hören, sondern auch in den Gesichtern der Mitwirkenden sehen. Allein die regelmäßig stattfindenden Afterwork-Konzerte erfreuen sich größter Beliebtheit und die Weingüter, die in der Pause ihre Tropfen ausschenken, werden mittlerweile nicht mehr angefragt, sondern stehen laut Stamm und Dr. Scholz ihrerseits Schlange.

Der klassische Musikunterricht ist dabei sozusagen die eine Herzkammer des Konservatoriums. Die Jahresentgelte hierfür variieren je nach Einzel- oder Gruppenunterreicht und Altersstufe. Dabei wird am PCK auch Wert daraufgelegt, Kindern aus einkommensschwächeren Familien das Erlernen eines Musikinstruments zu ermöglichen. Schließlich sagte schon Peter Cornelius selbst: „Die Kunst soll nicht nur ein Konfekt für die Tafeln der Großen und Reichen, sie soll eine kraftvolle Speise für alle sein. Einer zweiten Natur gleich soll sie wie die Sonne ihren Glanz über Große und Kleine, über Arme und Reiche verbreiten.“

Doch Hand aufs Herz: Warum sollte man ausgerechnet am PCK Unterricht nehmen? Schließlich gibt es ja auch private Lehrerinnen und Lehrer, die bequemerweise oft auch ins Haus kommen. Dr. Scholz ist um eine Antwort nicht verlegen: „Beim privaten Musikunterricht steht neben dem technischen Erlernen des Instruments die Reproduktion klassischer Musikstücke im Mittelpunkt. Am PCK geht es aber um sehr viel mehr: Hier geht es darum, Musik zu leben.“ Das Konzertieren vor einem interessierten Publikum (und damit das Lernen, zum Beispiel mit Lampenfieber umzugehen) wurde bereits erwähnt, das gemeinsame Musizieren im Ensemble ebenfalls.
Gerade das hat in den vergangenen Jahren an Beliebtheit gewonnen – und zwar tatsächlich „dank“ Corona.

Die Pandemie war auch für das PCK ein einschneidendes Erlebnis. Doch vom ersten Tag an wurde hier nicht darüber geklagt, dass man erstmal schließen (und so mit wirtschaftlichen Unwägbarkeiten jonglieren) musste, sondern sofort darüber nachgedacht, wie man trotz strenger Auflagen ein sinnvolles Angebot machen könnte. Carina Stamm und Dr. Gerhard Scholz betonen daher die positiven Impulse, die die Herausforderungen mit sich brachten: Der rege Förderverein spendierte Tablets für den Digitalunterricht; die Parken in Mainz GmbH reservierte ein Deck im benachbarten Taubertsberg-Parkhaus, wo mit gebührendem Abstand Open-air-Chorproben stattfinden konnten; in einem Hotel gegenüber gab es ein eigenes Testzentrum für die Bläser. In Zeiten von Corona erwies sich das Musizieren für viele Kinder als rettender Anker angesichts von Homeschooling und mangelnden Freizeitaktivitäten. Und so manche® entdeckte gerade hier sein oder ihr Instrument neu und verstärkte das Engagement, weil er oder sie vom PCK dabei nicht alleingelassen wurde – allein und vor allem in der Gruppe.

Apropos Instrument: Wer hier ein solches erlernen will, der kann es anfangs gegen geringe Gebühr für ein paar Monate erstmal leihen, um zu testen, ob es das richtige ist. Auch hier springt der Förderverein bei Neuanschaffungen in die Bresche. Mittlerweile hat man so viele Instrumente im Umlauf, dass Dr. Scholz grinsend den Vergleich zur internationalen Luftfahrt zieht: „Da müssen die meisten Flugzeuge ja auch in der Luft sein, weil man am Boden überhaupt keine Parkmöglichkeiten hätte – genauso ist es bei unseren Instrumenten: Wenn die alle auf einmal abgegeben würden, wüssten wir gar nicht, wohin damit.“ Die Gefahr ist jedoch gering, denn die Experimentierfreude unter den Lernenden ist groß. So genieße beispielsweise das Fagott dank einer engagierten Lehrerin aktuell eine wachsende Beliebtheit, freut man sich im PCK-Direktorat.

Neben Carina Stamm und Dr. Gerhard Scholz wirkt hier auch Gintare Radzivilovicz. Sie ist Leiterin der Studienabteilung, denn nicht nur an der keine zwei Kilometer entfernten Hochschule für Musik kann man studieren, sondern auch am PCK. Geht es auf dem Unicampus um die hehre Kunst, hat man am Binger Schlag etwas im Visier, ohne dass diese gar nicht zur Blüte kommen könnte: die Musikpädagogik. Gerade hier wird eine Ausbildung angeboten, die Interessenten für die Tätigkeit an Musikschulen oder als private Musiklehrende vorbereitet. „Künstlerische und musikpädagogische Ausbildung müssen so kombiniert werden, dass kritisch traditionsbewusste und für neue Erkenntnisse offene Lehrerpersönlichkeiten ausgebildet werden“, fordert das PCK, denn dies helfe der Musikschulausbildung der Mainzer Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen ebenso wie all denjenigen Musikschulen, an denen die Mainzer Absolventen der Studienabteilung ihre Anstellung fänden: „Das PCK ist damit das einzige Lehrinstitut, das eine Ausbildung von Laien und Profis derart eng miteinander verzahnt“, betont Dr. Scholz.

In der Praxis heißt das: Durch Hospitieren im Unterricht und Übernahme eigener Lehrverantwortung erhalten die Studierenden hier nach und nach das Rüstzeug für eine spätere musikpädagogische Tätigkeit. Damit werde der Praxisschock, den Absolventen von Musikhochschulen nach dem Verlassen des universitären „Elfenbeinturms“ zuweilen erlebten, vorausschauend vermieden: „Wer bei uns studiert, ist methodisch und didaktisch fit“, verspricht der PCK-Direktor. Nach der erfolgreichen musikpädagogischen Ausbildung kann man hier nach einem zweijährigen Aufbaustudium ebenfalls die künstlerische Reifeprüfung ablegen – in Fächern von G wie Gesang bis V wie Violoncello. Ein Bachelor of Music im Fach Elementare Musikpädagogik ist möglich, zudem gibt es die Studiengänge Gesang und Orchester, die zur künstlerischen Reifeprüfung führen. Dabei sieht sich das PCK nicht als Gegenspieler der Hochschule, sondern eher als Mitbewerber.

Und als solcher leistet man in Mainz einen wichtigen Beitrag zur gelebten Kultur: Musik wird hier nicht im stillen Kämmerlein erlernt, sondern bei aller Individualität jedes und jeder Einzelnen im Kollektiv der städtischen Einrichtung. Der Unterricht sowie das umfangreiche Konzertangebot der Musikschule und der Studienabteilung des PCK tragen somit entscheidend dazu bei, dass Mainz eine klingende Musikstadt ist. Und bleibt.

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