Die KI als Komponistin?
MAINZ (18. Februar 2026). Von Johann Sebastian Bach gibt es neben der Johannes- und Matthäuspassion auch eine auf das Markusevangelium. Von existiert jedoch nur das Libretto. Diethard Hellmann, Gründer des Bachchors Mainz, war 1964 der erste, der diese Musik auch hörbar machte. Seinem Beispiel folgten weitere, die in einer Art umgekehrtem Parodieverfahren erforschten, welche von Bachs bekannten Chor- und Arienkompositionen zu den Versen passen könnten. So rekonstruierte man fast das komplette Oratorium, das mittlerweile mehrfach eingespielt wurde – unter anderem 2016 vom Mainzer Gutenberg Kammerchor unter Leitung von Felix Koch beim Label Christophorus. Einzig an den Rezitativen sind bislang alle Versuche gescheitert: Sie gelten als nicht rekonstruierbar. So übernimmt beispielsweise bei der Mainzer Aufnahme ein Sprecher die Rolle des Evangelisten.
Warum gerade diese Partien so anspruchsvoll und alles andere als nebensächlich sind, erklärt Birger Petersen, Professor für Musiktheorie an der Hochschule für Musik Mainz: „So schön die Arien und Choräle in einer Passion sein mögen: Die Handlung findet ausschließlich in den Rezitativen statt. Sie spielen also eine ganz wichtige, zentrale und dramaturgisch Rolle.“ Gerade hier habe Bach mit Überraschungseffekten gearbeitet – denke man in den Passionen nur an den krähenden Hahn oder den zerreißenden Tempelvorhang: „In den Rezitativen wird der Zuhörer zum Zuhören gezwungen, während die Themen der Arien erwartbar sind. Und sie bilden wichtige Übergänge beispielsweise in den Tonarten. Hierbei hatten die Komponisten ganz individuelle Vorstellungen.“ Und die fanden eben in deren Köpfen statt – nicht in unseren heutigen – was auch erklärt, dass selbst Bach-Spezialist Ton Koopman bei seinem Versuch der Rezitativ-Konstruktion keine restlos überzeugenden Resultate liefern konnte.
Was vor Jahren jedoch buchstäblich Zukunftsmusik war: Künstliche Intelligenz (KI) komponiert. Birger Petersen hat sie in seiner Forschungsarbeit bereits mit Erfolg genutzt: Vom Lübecker Kantor Johann Jacob Pagendarm (1646-1706) stammen Choralsammlungen, bei denen jedoch die Bassstimme fehlt. Mithilfe neuronaler Netze, also leistungsfähigen Modellen des maschinellen Lernens, konnte dieses Register stilistisch plausibel rekonstruiert werden. Die KI fertigte also sozusagen eine musikalische Prothese an. Statt sie mit sämtlichen Tönen der Einzelstimmen zu konfrontieren, ließ man sie hierfür vielmehr die Harmonien betrachten: Aufgrund der am häufigsten vorkommenden Figuren konnten die wahrscheinlichen Harmonien vorhergesagt und ergänzt werden. Allerdings funktionierte dies nur durch die Kombination aus Informatik und Musiktheorie: „Es braucht eine Balance zwischen datengetriebenem maschinellem Lernen und stilistischer Präzision“, betont Petersen.
Könnte das also auch ein Lösungsansatz für die fehlenden Rezitative der Markuspassion sein? Petersen wägt ab: „Bei der manuellen Rekonstruktion greifen Menschen auf Intuition, Erfahrung und oft implizites Wissen zurück, das auf der Kenntnis zahlreicher Werke verschiedener Komponisten und Epochen beruht. Dieses breite Hintergrundwissen kann jedoch leicht dazu führen, dass stilistische Eigenheiten eines bestimmten Komponisten verwässert werden.“ Um das zu vermeiden, könnten harmonische Entscheidungen KI-gestützt und damit rein datenbasiert getroffen werden: „Als Grundlage dient dabei das Ergebnis des Algorithmus, das ausschließlich auf harmonisch eindeutigen Passagen basiert. Man kann also davon ausgehen, dass solche algorithmisch erzeugten Lösungen dem gewünschten Stil tatsächlich entsprechen, denn der computergestützte Ansatz baut auf diesen stilistisch belastbaren Segmenten auf und zielt darauf ab, weitere Entscheidungen möglichst ohne äußere Einflüsse und mit hoher stilistischer Reinheit zu treffen.“
Eine KI müsse allerdings genauestens instruiert werden, denn anderenfalls könne sie durchaus „halluzinieren“ und über das ihr angebotene Material hinaus sowie nicht unbedingt satztechnisch wie dramatisch regelkonform agieren, warnt Petersen. Der denkende Mensch sei als Komponist (noch) nicht ersetzbar, schließlich liefere KI keine eigenständigen Ideen, sondern mache nur das, was der Anwender von ihr verlange: „Aber sie kann uns auf jeden Fall helfen.“ Im Falle möglicher Rezitative in der Markus-Passion lautet Petersens Fazit jedoch: „Für eine überzeugende Stilkopie fehlt der KI letztendlich die Intuition des Komponisten, also Bachs Geist.“


