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L'ambassadeur de l'accordéon

DARMSTADT/MAINZ/WIESBADEN (27. Juni 2028). Ach, das Akkordeon, von den Landesmusikräten zum Instrument des Jahres 2026 erklärt: Etwas klischeebelastet kommen einem sofort Franzosen in den Sinn, die darauf baskenbemützt und im Ringelshirt in Paris eine flotte Musette intonieren. Dabei ist das „Schifferklavier“ ein äußerst vielschichtiges Instrument und hat sich mittlerweile auch seinen Platz in den Konzertsälen erspielt, wo es ein wachsendes Publikum begeistert.

Einer, der beide Bühnen kennt und seine Heimat nennt, ist der russische Akkordeonist Victor Pribylov: Er spielt sowohl im klassischen Konzert als auch auf der Straße. Und dort besonders gerne, weil er gerade dann in unmittelbaren Kontakt mit seinem Publikum kommt. Allerdings stört ihn die strenge Regulierung der Straßenmusik: In Mainz beispielsweise füllen die Vorschriften drei Seiten, während Wiesbaden mit einer auskommt (und Darmstadt nur einen einzigen Paragraphen hat). Dabei ist sich Victor Pribylov sicher: „Straßenmusik will Lust und gute Laune machen! Das ist unsere Aufgabe. Ich freue mich, wenn Kinder zu meiner Musik tanzen. Wenn ich Tango spiele, das ist doch Bewegung pur.“

Pribylovs Instrument ist das in Russland und Osteuropa beheimatete Bajan, dessen Klang als besonders warm und expressiv empfunden wird. Anders als das hierzulande verbreitete Instrument, das sowohl über Tasten als auch Knöpfe verfügt, ist das Bajan ein reines Knopfakkordeon: Während die rechte Hand auf rund 120 Knöpfen eine erstaunliche Vielfalt an Klangfarben hervorbringt, sorgt die linke auf etwa ebenso vielen für die harmonische Begleitung. Auch hier wird der Ton durch das rhythmische Ziehen und Drücken des in der Mitte liegenden Balgs erzeugt, wobei ein Luftstrom durch fein gearbeitete Kammern geleitet wird und die Stimmzungen in Schwingung versetzt. Physikalisch funktionieren Akkordeon und Orgel nach dem gleichen Prinzip.

Womit wir wieder bei Victor Pribylov sind.Denn dessen Vorliebe gilt vor allem den Präludien, Fugen und Toccaten Johann Sebastian Bachs, kann er doch auf dem Bajan orgelähnliche Töne in extremen Höhen und Tiefen erzeugen. Auch damit ist er regelmäßig in den Fußgängerzonen von Mainz, Wiesbaden, Darmstadt oder auch Bad Homburg zu hören. Geboren in Kasachstan studierte er an der Musikhochschule in Barnaul und am Konservatorium in Novosibirsk. Nach seinem Diplomabschluss konzertierte Pribylov als Bajanist und Orchesterdirigent, unterrichtete und ging aus rund 20 großen russischen und internationalen Wettbewerben als Preisträger hervor. Seit 2011 lebt und arbeitet er als freier Künstler in Deutschland.

Die Straße, sagt er, dient ihm vor allem als Übungsraum. In seiner Jugend in der damaligen UdSSR hatte Pribylov für Wettbewerbe bis zu zwölf Stunden geübt, heute reichen ihm etwa fünf. Erschließt er sich für seine Konzerte, die er gerne in Kirchen spielt, ein neues Werk, übt er es zwei bis drei Wochen zuhause mit Noten, bevor er ihm dann drei bis vier Monate lang auf der Straße bereits auswendig den letzten Schliff gibt. Das flanierende Publikum merkt von diesem „Proben“ freilich nichts, sondern staunt, wie flink Pribylovs Finger über die Knöpfe seines Bajans flitzen. „Auch das Musizieren eines Profis besteht aus ewigem Lernen und vor allem Üben“, sagt der Bajanist. Nur einmal bat ihn ein Geschäftsmann, doch nicht immer die gleichen Läufe zu spielen, erinnert er sich lachend: „Das war ausgerechnet vor einem Waffengeschäft.“

Dass Victor Pribylov sein Instrument seit 30 Jahren gerne auch auf der Straße spielt, hat noch weitere Gründe. Zum einen sieht er die Öffentlichkeit als perfektes Forum für klassische Musik. In Deutschland lebten 2025 laut statistischem Bundesamt 21,8 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte und 14,1 Millionen ausländische Mitbürger. Pribylov ist einer von ihnen und davon überzeugt, dass Integration nicht in erster Linie über die Sprache geht: „Das funktioniert vor allem über die Kultur und hier natürlich mit der Musik.“ Auf seinem Bajan will er daher nicht nur spielen, sondern lässt es singen und Geschichten erzählen: „Was viel wichtiger ist als die Noten: Nur so kann man Musik verstehen.“

Gerade sein Instrument bietet sich wegen des orgelähnlichen Klangvolumens für die Interpretation klassischer Musik an, weswegen sich Pribylov auch als Botschafter des Bajans respektive Akkordeons sieht: „Viele kennen seine Möglichkeiten gar nicht.“ Spielt der Musiker auf der Straße, nutzt er die Niederschwelligkeit des öffentlichen Raums, um das zu ändern, denn: „Teure Konzertkarten sind für viele Menschen heute unbezahlbar.“ Dabei will Pribylov auch dem anfänglich zitierten Klischee der „Quetschkommode“ entgegentreten und betont: „Das Akkordeon ist ein klassisches Musikinstrument.“ In seinem Repertoire finden sich neben den üblichen Verdächtigen wie Astor Piazzolla daher auch Werke wie der berühmte Säbeltanz von Aram Chatschaturjan, der „Hummelflug“ von Nikolai Rimski-Korsakow (Pribylov legt ihn auf einer CD in 70 Sekunden zurück), Stücke von Pjotr Tschaikowski, Sergei Rachmaninow oder Modest Mussorgski und eben viele Orgelwerke von Bach.

Verdient ein deutscher Botschafter im Ausland zwischen 8.900 und 15.000 Euro brutto im Monat, kann der „Botschafter des Akkordeons“ von solchen Gagen nur träumen. Natürlich könnte er auch Schüler unterrichten, was finanziell natürlich viel lukrativer wäre als das Musizieren auf der Straße. Aber hier, sagt Pribylov, stehe die Musik im Mittelpunkt, bekämen er und sein Bajan eine viel unmittelbarere Aufmerksamkeit: „Und dieses Gefühl ist einfach unbezahlbar.“

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