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Dieter Hildebrandt: „Ich werde immer renitenter“

Wie war das denn nun mit seiner Mitgliedschaft in der NSDAP? Die leidige Diskussion hakt der dienstälteste deutsche Kabarettist zum Glück gleich am Anfang seiner Lesung ab: „Man hat mich entlarvt als glühenden Parteigänger, dabei war ich höchstens ein kokelnder Hitlerjunge“, bekennt Dieter Hildebrandt: „Allerdings war ich mit neun Jahren Frühpimpf und habe meinem Onkel – der war Kunstmaler – für Hitlerbilder Modell gestanden.“ Recht hat er! Mehr als solch einen launischen Nebensatz ist die Sache wirklich nicht wert.

Die Mainzer Filiale von Buch Habel wirbt für sich mit dem Slogan „Bücher und mehr“ – wobei sie keinesfalls zu viel verspricht: Gemeinsam mit dem örtlichen Filmpalast „Cinestar“ hatte man einen Saal des Kinos zum Auditorium umfunktioniert und Hildebrandt durfte sich über ein ausverkauftes Haus freuen. Kein Wunder: Dem Kabarettpublikum fehlt der brillante Satiriker seit seinem telegenen Abtreten eben.

Umso besser, dass er sich auf Lesetour begibt: „Nie wieder 80“ heißt sein aktuelles Buch, in dem er Geschichte und Geschichten zu einem straff gespannten roten Faden spinnt. Natürlich geht es ums Alter und Altern, doch stets klingt die Selbstironie lange nach. Natürlich spielt Helmut Kohl eine gewichtige Rolle. Und natürlich kommt Hildebrandt selten zum Punkt, unterbricht sich ständig selbst und läuft Haken schlagend als der vom Zeitgeist getriebene alte Hase des politischen Kabaretts von Pointe zu Pointe.

Man kann es ja nachlesen, wenn man will: „Nie wieder 80“ beinhaltet Highlights aus früheren Jahren, die jedoch nach wie vor von brisanter Aktualität sind, so dass man nicht immer weiß: Liest Hildebrandt gerade oder kommentiert er jetzt das Tagesgeschehen? Die bis zum Bersten mit Nichts angefüllten Verbalblasen der Politiker bringen so wunderbare Kapitel wie „Wenn die Ohren die Luft anhalten“ hervor und das Gleichnis vom Unternehmensberater, die Gedanken über parlamentarische Nachrücker sowie persönliche Anekdoten und Erinnerungen ergeben eine runde Mischung aus nörgelndem Nadelstich und knüppelharten Keulenschlag.

Der Papst? „War auch Luftwaffenhelfer“, bemerkt Hildebrandt trocken. Guido Westerwelle attestiert er: „Der ist nicht das Licht am Ende des Tunnels, der ist der Tunnel!“ FDP-Generalsekretär Dirk Niebel? „Wenn Niebel sudelt, sehnt man sich nach Söder!“ Und zu Stoiber kommentiert er: „Dieser durch die Demokratie behinderte Demokrat hat jetzt seinem eigenen Zahnarzt den bayerischen Verdienstorden verliehen! Demnächst bekommt den sein Logopäde!“

Hildebrandt war nie einer, der ein Blatt vor den Mund nimmt oder sich gar davor halten lässt: „Ich hatte immer Respekt vor Respektspersonen“, beteuert er mit leutseligem Augenaufschlag und geißelt im nächsten Augenblick die Dampfplauderer der Demokratie, äußert seine (sagen wir mal vorsichtig: etwas reservierte) Haltung zu Sport im Allgemeinen sowie Fußball im Speziellen oder wundert sich über die politische Gipfelstürmerei. Und wie nebenbei bekennt er: „Ich werde immer renitenter.“ Na, wenn das mal kein Versprechen ist!

(Dieter Hildebrandt: „Nie wieder 80“, Karl Blessing Verlag, ISBN 978-3-89667-331-2, 238 Seiten, 19,95 Euro)

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