» Genuss

Die Visitenkarte des Weins

Die ältesten Weinetiketten sind tatsächlich schon 6000 Jahre alt: Damals versahen die Sumerer ihre Gefäße mit Siegeln, die Informationen über den jeweiligen Inhalt enthielten. Im antiken Griechenland ritzte man gleich in den Ton der Amphoren oder benutzte kleine Anhänger. Eine derartige „Zettelwirtschaft“ war bis ins Mittelalter Usus. Weinetiketten, wie wir sie heute kennen, kamen mit der Erfindung der Lithografie auf. Als erstes Weinetikett der Moderne gilt das für einen „Cabinets Wein“ von Schloss Johannisberg aus dem Jahr 1822. Darauf zu sehen sind das Schloss sowie die umliegenden Weinberge. Heute sind Etiketten zuweilen aufwändig hergestellte Informationsträger, mit Heißfolie und Relieflack oder Blindprägung veredelt, wodurch sie durchaus haptisch erfassbar sind.

Ein Flaschenetikett ist ein Aufkleber, der den Verbraucher über den Inhalt der etikettierten Flasche informiert, sozusagen eine önologische Visitenkarte. Auch beim Wein gilt, was die EU-Verordnung 607/2009 vorschreibt: „Die obligatorischen Angaben […] sind zusammen im gleichen Sichtbereich auf dem Behältnis so anzubringen, dass sie gleichzeitig gelesen wer¬den können, ohne dass es erforderlich ist, das Behältnis umzudrehen.“ Diese Verbindlichkeit hat dazu geführt, dass viele Flaschen heute doppelt etikettiert sind (oder das Frontetikett ist etwas breiter und bildet die vorgeschriebenen Angaben an der Seite ab): hinten die Pflicht, vorne die Kür, die durchaus werbewirksam daherkommen darf.

Denn seien wir ehrlich: Wenn man nichts über einen Wein weiß und keiner da ist, der einem etwas darüber erzählen kann, gibt nicht selten die Gestaltung des Etiketts (mit den darauf enthaltenen Informationen) den Kaufanreiz. Eines der bekanntesten Weinetiketten ist sicherlich das aus dem Hause Mouton-Rothschild: Seit bald 70 Jahren druckt das Château auf das Etikett seines Grand Vin ein kleines, jedoch exklusives Kunstwerk. Die Idee hatte Baron Philippe de Rothschild und bat international renommierte Künstler um entsprechende Illustrationen. So schmückten bereits Andy Warhol, Salvador Dalí, Marc Chagall und Pablo Picasso sowie aus Deutschland Georg Baselitz und Gerhard Richter entsprechende Bouteillen.

Man schlendere nur mal durch die Weinregale eines gut sortierten Supermarkts, wo man fast die komplette Fauna und Flora besichtigen kann. Weinetiketten sind also durchaus mehr als reine Informationsträger. Statt kleine Kunstwerke abzudrucken, können sie oft selber welche sein und manche Gestaltungen machen auch in der Welt des Designs immer wieder von sich reden: Der begehrte Design-Preis Red Dot Award wurde in der Vergangenheit immer mal wieder für Weinetiketten vergeben und auch der German Design Award berücksichtigte das Thema bereits.

Das musste bislang alles auf einem Weinetikett stehen: die Verkehrsbezeichnung, also ob es sich um Wein oder Perlwein handelt, die Gütestufe – von oben nach unten: Prädikatswein, Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete (Q. b. A.), Tafelwein oder Landwein –, der Alkoholgehalt und die Herkunftsangabe, eine Prüfungsnummer, der Abfüller, die Füllmenge der Flasche, Sulfite. Freiwillige Angaben waren das Erntejahr, die Rebsorte, die Geschmacksangaben von trocken bis süß oder das Erzeugnisverfahren wie die Reifung im Barriquefass. Zum Beispiel: Heinrich Frank (Weingut), Oestricher Lenchen (Lage), Riesling Prädikatswein Spätlese trocken 2023 (Rebsorte mit Klassifizierung), Rheingau (Anbaugebiet) sowie Adresse, Prüfnummer etc. Übrigens darf das Wort Wein für sich nicht erscheinen.

Im Wein sind aber nicht nur Alkoholprozente, sondern auch Kalorien, Fett und Zucker enthalten. Seit dem Jahrgang 2024 müssen diese Nährwerte ebenfalls auf dem Etikett angegeben sein, schreibt die EU-Verordnung 2021/2117 für alle nach dem 8. Dezember 2023 erzeugten Weine vor. Alternativ können die Nährwertdeklaration und das Zutatenverzeichnis auch mittels eines QR-Codes auf dem Etikett abgerufen werden, der dann zu einer entsprechenden Internetseite führt, auf der die Daten hinterlegt sind. „Selbstverständlich sind beim Seitenaufruf jegliche Erhebung von Nutzerdaten ebenso ausgeschlossen wie werbliche Informationen“, informiert das Deutsche Weininstitut. Die Brennwertangabe und eventuelle Allergene wie Sulfite müssen unabhängig von einem QR-Code in jedem Fall auf dem Weinetikett stehen.

Fun Fact: Diese Etikettenverordnung gilt bereits für den Federweißen, der im Herbst in den Weingegenden angeboten wird. Hier ergibt sich bei den Nährwerten allerdings ein Kuriosum, denn dieser junge Wein wird ja im unvergorenen oder teilweise vergorenen Zustand verkauft. Die Nährwerte beziehen sich hier also auf den Zeitpunkt vor dem Beginn der Gärung, während beim Alkoholgehalt der maximale Wert angegeben wird, der nach einer vollständigen Vergärung entstehen würde.

In der Branche schüttelte man über diese neue Regelung indes eher den Kopf. Gerade die Nährwertangaben trockener Weißweine seien so ähnlich, dass es sich kaum lohne, die Weine einzeln aufzuführen, erklärte Max Rieser vom Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP). Außer den konservierenden Sulfiten wird dem Wein ja ohnehin nichts hinzugefügt – und diese Angabe war bereits verpflichtend. Jetzt lautet die Zutatenliste eben: Trauben, Saccharose (Zucker), ggf. Milchsäure als Regulator und Sulfite. Aber Hand aufs Herz: Wer wird sich, bevor er eine Flasche Wein aufmacht, die Nährwertliste des Inhalts durchlesen? Eben.

zurück