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Das Leben ist manchmal ein Esel

Das hatte ich mir mal zu Weihnachten gewünscht: eine Eselwanderung. Der Wunsch war nach der Lektüre von Andy Merrifields Buch „Die Weisheit der Esel“ über seine Reise zu Fuß durch die Auvergne mit dem grauen Langohr Gribouille entstanden. Daran erinnerte ich mich jetzt wieder, als ich einen Podcast des Deutschlandsfunks hörte, der sich auch auf Merrifields Reisebericht bezog. Und an die Reportage, die ich damals über diese faszinierende Begegung mit Eseln schrieb.

Den Weg zu sich selbst, den der Autor am Ende geht, hatten wir an den zwei Tagen bei Braubach am Rhein nicht gefunden. Aber wir lernten mit Nadine Ludwig die sympathische Betreiberin des Ponyhofs Forstmühle kennen. Und mit Lisa und Gipsy zwei von vier Eseln, die man hier für Eselwanderungen mieten kann. Ein Escort-Service der besonderen Art. Wenn die Dame denn „willig“ wäre. Was nicht der Fall war.

Dabei hatte es doch so gut angefangen: Nach der Begrüßung durften wir die Esel erst mal striegeln. Anders als gedacht haben diese Tiere kein struppiges, borstiges, sondern ein erstaunlich weiches Fell, das sich in der frühherbstlichen Sonne angenehm aufwärmt. Bei Pferden ist diese Behaarung ziemlich wasserundurchlässig, bei Eseln nicht, weswegen sie auch keine große Lust haben, sich dem feuchten Element auszusetzen. Überhaupt sind sie sehr eigenwillig. Uns wurde ja schon angekündigt, dass Lisa und Gipsy uns anfangs austesten werden. Aber dass wir noch in Sichtweite zur Forstmühle ein erstes Mal zum Stehen kommen, haben wir nicht gedacht. Es dauert. 20 Minuten. Wenn das so weitergeht!

Und genau das tut es, denn es wird bei weitem nicht die letzte Pause sein, die wir auf unserer ersten Tour einlegen. Man sagt, Esel seien störrisch. Und spricht ihnen damit eine äußerst menschliche, dazu negative Eigenschaft zu. Wir lernen schnell: Esel sind nicht störrisch; aber sie haben ihren eigenen Rhythmus, ihren eigenen Willen. Wenn sie fressen wollen, dann fressen sie; wobei es erstaunlich ist, wie unempfindlich die weiche Schnauze eines Esels gegenüber stacheliger Kost ist.

Irgendwann geht es weiter. Bis zum nächsten leckeren Strauch. Wir ersinnen eine kleine List und nehmen einfach einen Zweig als Wegzehrung mit. So lassen sich Lisa und Gipsy zum Weiterziehen animieren. Manchmal zumindest. Die Mutter ist die Gemütlichere, die Tochter läuft stets ein paar Meter vorneweg. Ich führe Gipsy – es ist also fast wie im richtigen Leben, denke ich, weil auch ich immer schneller laufe als Susanne. Wird der Abstand zu groß, wartet Gipsy auf Lisa. Vielleicht sollte auch ich öfters mein Tempo anpassen.

Überhaupt kommen einem bei einer Eselswanderung durch die sonnendurchfluteten Wege des nördlichen Taunus‘ – hier fuhr einst die Nassauische Kleinbahn, wovon unter anderem zwei massive Brückenpfeiler am Wegesrand zeugen – so manche Gedanken. Analogien zum Leben: Wie oft ist man zu ungeduldig, wenn es nicht so weitergeht, wie man es geplant hat, wie man will? Den Esel interessiert das nicht. Er trabt langsam den Pfad entlang. Und frisst mal wieder. Wenn er steht, dann steht er, lässt sich höchstens ein paar Zentimeter schieben, um dann wie fest verwurzelt die Beine zu strecken. Die lassen sich dann nicht vom Boden lösen, als würde ein starker Magnet den Huf auf dem Grund halten.

Also warten wir und schauen den Damen beim Dinieren zu. Manchmal halten sie auch einfach so inne. Dann vertreiben wir uns und ihnen die Zeit, indem wir sie an den langen Ohren kraulen, die sie radargleich sogar unabhängig voneinander in alle Richtungen drehen können. Lisa mag es, am Hinterteil gestreichelt zu werden. Wenn man Glück hat, setzt sie sich dann wieder in Bewegung. Wenn man Glück hat und sie will. Führe ich den Esel oder führt er mich?

Die Strecke, die wir an diesem ersten Tag zurücklegen wollen, beträgt insgesamt zwölf Kilometer. Etappenziel ist ein Café. Doch aus dem Stück Kuchen wird nichts. Wir schaffen rund vier Kilometer. Dann bleiben Lisa und Gipsy stehen. Nichts geht mehr. Vielleicht warten hinter der nächsten Wegbiegung ein paar Kühe, mit denen die Eseldamen ungute Erfahrungen gemacht haben, mutmaßt Eselhalterin Nadine Ludwig nach unserer Rückkehr. Den Heimweg gehen die Damen übrigens recht leichtfüßig, so dass man sie zuweilen etwas bremsen muss. Wenn Esel einmal einen Pfad gegangen sind, erinnern sie sich ihr Leben lang daran. Lisa und Gipsy würden also auch ohne uns nach Hause finden – ja, sie bocken sogar ein wenig, als wir unwissentlich einen Umweg einschlagen wollen.

Das Ziel des Rundwegs haben wir mit der Koppel der Forstmühle also erreicht. Dass unser Kaffeedurst ungestillt blieb, macht nichts. Noch unergiebiger ist die Wanderung am zweiten Tag: Nach hundert Metern ist erst mal Schluss. Nichts zu machen. Das Fallobst am Wegesrand schmeckt offenbar zu gut. Und die Damen haben keine Lust. Als uns Nadine Ludwig nach einer Dreiviertelstunde zu Hilfe kommt und ein paar Meter mit uns geht, lassen sich Lisa und Gipsy zum Weitergehen animieren. Es müsste die Stimme der Eselhalterin als App für das Smartphone geben, falls es mal wieder etwas länger dauert, denke ich; dann könnte man die Langohren überlisten. Als Ludwig wieder zur Mühle zurückkehrt, gehen die Esel noch ein paar hundert Meter. Die Streckenführung sieht ein Stück Landstraße vor. Mit unwilligen Eseln macht das keinen Spaß, wir kehren um.

Doch auch heute haben uns die Esel ein paar Einsichten geschenkt, für die wir dankbar sind: Manchmal kann man einfach nichts erzwingen. Dann ist es unmöglich, dem Gegenüber seinen Willen aufzudrücken. Und falls doch – was bringt es am Ende? Glücklich macht man keinen damit. Lisa und Gipsy erinnern uns daran, dass wir Rücksicht auf die Belange derjenigen nehmen müssen, die mit uns unterwegs sind – egal, ob sie zwei oder vier Beine haben. Manchmal geht es eben nicht weiter, dann muss man seine Route, seine Pläne ändern. Die Welt wird davon nicht untergehen. Das Glück, sagt man, liegt auf dem Rücken der Pferde. Und wir haben begriffen: Das Leben ist manchmal ein Esel.

Hier kann man den anfags erwähnten Podcast hören: https://www.deutschlandfunk.de/mach-mal-langsam-dlf-8cfe4cb0-100.html.

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