Achtung Aufnahme – für Mozarts Requiem
Meistersingerhalle Nürnberg: Wie Baukräne ragen die Mikrophongalgen über das Orchester- und Chorgestühl ins grelle Licht der Bühnenscheinwerfer. In einer knappen Stunde beginnt hier das letzte von drei Konzerten mit Schuberts As-Dur-Messe und dem „Requiem“ von Mozart, das der Windsbacher Knabenchor gemeinsam mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) und vier Solisten bereits in der Dresdner Frauenkirche und der ausverkauften Berliner Philharmonie aufgeführt hat. Die Besonderheit des heutigen Abends: Das Konzert wird für eine weitere CD des Labels Sony mitgeschnitten.
Noch aber bietet sich dem Betrachter ein buntes Bild: Der Chor hat sich schon in Schale geworfen, die Orchesterleute sitzen in Frack oder noch zivil an ihren Pulten und irgendwie passt das zum akustischen Wirrwarr aus tausend Noten, denn jeder Musiker spielt sich mit andere Tonleitern, Intervallen und Akkorden ein – als wolle er sich vor dem Konzert noch mal austoben.
Dirigent Karl-Friedrich Beringer hat kurz im Saal Platz genommen bevor er in seinen Frack schlüpft und blickt anerkennend auf seinen Chor, der einen Tag zuvor bereits zur Mikrophoneinstellung und ersten Aufnahmen vor Ort war – nach fünf Stunden Busfahrt aus Berlin kommend: „Das sind halt Profis“, sagt Beringer nicht ohne Stolz und setzt grinsend hinzu: „Das Orchester natürlich auch.“
Rumms! Soeben ist ein Hornist an einen der hohen Mikrophonständer gestoßen, der jetzt bedrohlich schwankt – Chormutter Ulrike Sauerbier seufzt: „Ich sag‘ Bescheid“, und macht sich auf den Weg ins improvisierte Tonstudio von Martin Sauer und Tobias Lehmann, deren teldex Studio Berlin GmbH die Aufnahmen für Sony übernimmt. Kurze Zeit später steht Sauer auf der Bühne und überblickt die ganze Szenerie wie ein Feldherr seine aufgestellten Truppen. Er wird während der Produktion das musikalische Geschehen im Auge haben, Tobias Lehmann das technische.
Meistersingerhalle Nürnberg, 16 Stunden später: Das Konzert ging gut über die Bühne, das Publikum war von Chor und Orchester wie von den Solisten Ruth Ziesak, Monica Groop, Thomas Cooley und Thomas Laske begeistert und auch die Presse wird jubeln. In den Kritiken kann man am nächsten Tag von einem „Rausch der Klarheit“, von einem „sinnlichen Delirium und nachvollziehbarer Notenbuchstabierung zugleich“ lesen und gelobt werden die „gestochen scharfen Koloraturen und dichte Geschlossenheit“ der Windsbacher. Ein Urteil, zu dem auch der Produzent Martin Sauer kommt: „Es ist relativ einfach, mit einem so musikalischen Chor zusammenzuarbeiten, wo von vornherein Intonation und Absprache einfach stimmen.“ Die Kombination aus Windsbacher Knabenchor und DSO finde er prima: „Ein so entspanntes Arbeiten auf hohem Niveau hat man nicht alle Tage.“
Aufbauend auf die Komplettfassung des Livemitschnitts geht es jetzt noch einmal von vorne los: „Mozart ist Muss, Schubert ist Soll“, erklärt Sauer die Marschrichtung. Seine Partitur zieren nicht nur unzählige Notizen, sondern auch ebensoviele Eselsohren – Folgen eines arbeitsreichen Konzertabends.
„Ich brauche jetzt mal zehn Sekunden absolute Ruhe und dann geht’s los“, klingt die Stimme des Toningenieurs aus dem Lautsprecher. Doch daraus wird nichts: Der Chor sitzt ja noch! Lachen löst die Spannung, die jedoch sofort wieder da ist: Noch einmal gilt es, das komplette „Requiem“ zu singen – eine Matinee für die Herren Lehmann und Sauer sozusagen: „Möglichst ohne Unterbrechung, damit wir lange Strecken haben.“
Der letzte Ton des „Kyrie“ ist verklungen, da kommen kurz und prägnant die Anweisungen aus dem Regieraum: „In Takt 7 sind die Posaunen nicht zusammen, im Takt 32 ist der Alt zu laut; und Sopran in Takt 42: Das ist jetzt gemein, aber ich bin mir sicher, das könnt Ihr noch besser.“ Und natürlich hat auch der Dirigent einen Kommentar zu genau dieser Stelle: „Was habe ich Euch noch heute morgen gesagt?“ Nach der nächsten Fassung ist der Alt gut, aber der Sopran noch nicht perfekt: „Das ist schon ganz fabelhaft, aber nach dem hohen h wird’s zu tief.“ Ein weiterer Durchgang – und alles stimmt: „Haben wir“, nennt das die Stimme aus dem Off.
Was aber, wenn nicht? „Dinge, die nicht zusammenpassen, kann man nicht zusammenfügen“, stellt Toningenieur Lehmann klar. Tricksen ist also nicht drin, wäre hier aber auch nicht nötig. Dennoch wird es doch klangliche Unterschiede geben zwischen dem Konzert und den Nachaufnahmen? Sauer winkt ab, räumt aber ein, dass Musik, sobald sie aufgenommen werde, schon manipuliert sei: „Selbst wenn ich das Konzert gestern und den Livemitschnitt miteinander vergleichen würde, wären das zwei völlig verschiedene Ergebnisse.“
Dass der Zusammenschnitt trotzdem wie aus einem Guss klingt, sei eben „die Kunst dessen, der es macht“, beschreibt Sauer den Anteil der Technik(er) am Endprodukt. Nach einem Solo der Sopranistin Ruth Ziesak meint Beringer jovial: „Der schneidet das dann wahrscheinlich so zusammen, dass Du da überhaupt nicht atmest.“
Doch ist es überhaupt relevant, inwieweit geschnitten wird? „Der Hörer möchte ja ein in sich schlüssiges Werk hören“, sagt Lehmann. Dass es nicht zu 100 Prozent die Liveaufnahme sei, merke nur der, der im Konzert jeden Huster mitgezählt habe. Die kann man leider nicht herausschneiden, weswegen es mindestens zwei komplette Fassungen braucht. Ein Huster während des Konzerts hat übrigens die Dezibel-Stärke eines Trompetenstoßes…
Zwei Tage für die Aufnahmen, noch mal so lange für das Schneiden und schließlich noch ein Tag für das Abmischen – dann ist die musikalisch schlüssige Fassung zur Abnahme durch den Dirigenten fertig.
Martin Sauer hat bereits viel mit dem DSO unter Kent Nagano produziert, aber auch die Windsbacher kennt er schon länger: Vor 20 Jahren arbeitete er im Studio von Teije van Geest, der lange Zeit die Aufnahmen für den Knabenchor machte. Und wie sagte Teije früher immer, wenn ein aufzunehmendes Stück mit den Windsbachern endlich im Kasten war? „Gestorben“, schnarrte es dann aus dem Lautsprecher. Am Ende dieser beiden Aufnahmetage kann man das ebenfalls sagen. Und irgendwie passt es ja auch – zu Mozarts „Requiem“…