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Anrührende Einblicke

MAINZ (26. März 2026). Den Schauspieler, Synchronsprecher und Lyriker Helmfried von Lüttichau, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, kannte man zugegebenermaßen bislang nur aus der ARD-Serie „Hubert ohne Staller“, aus der er 2018 auf eigenen Wunsch ausschied. Dort spielte er an der Seite von Christian Tramitz den Polizeiobermeister Johannes Staller. Charakteristisch für diese Rolle war auch das breite Oberbayrisch, von dem man meinte, es sei der eigentliche Dialekt des Mimen – dabei wurde von Lüttichau ausgerechnet in der Stadt geboren, die wie keine andere für lupenreinstes Hochdeutsch steht: Hannover! Immerhin wuchs er dann in Bayern auf.

Diese überraschende Information sagt jedoch schon viel über die Wandlungsfähigkeit des sympathischen Wahlbajuwaren aus: Er beherrscht nicht nur verschiedene Dialekte, sondern kann sich tief in seine Bühnenfigur versenken und darin spiegeln. Zudem singt er und zupft die Gitarre. Genau diese Fähigkeit bildet auch die Folie für sein zweites Kabarettsolo: Nach „Unplugged“ spielt von Lüttichau aktuell „Weil’s raus muss“ und damit ein musikalisches, witziges, manchmal albernes und viel öfters tiefsinniges Ein-Personen-Stück um einen Sänger, der eine Platte [sic!] aufnehmen will und den es dafür in ein Hamburger Tonstudio verschlägt; dort bespricht er mit Gwendolin/Wendy die Trackfolge. Dass er die Dame dabei gekonnt mit hanseatischer Kodderschnauze intoniert, versteht sich von selbst.

Was muss aufs Album? Was sollte drauf oder was gerade nicht? An diesen Fragen hängt der Kabarettist die Handlung locker flockig auf und arbeitet sich an ihnen ab: Klar, was Politisches, was fürs Herz, ein Liebeslied, was über Sehnsucht, Selbstreflexion. Und so hört man neben eigenen Liedern Reminiszenzen an Arik Brauer, der in den 1970er-Jahren mit „Sein Köpferl im Sand“ ein Protestlied gegen egozentrischen Opportunismus sang, oder Friedrich Hollaenders „Wenn ich mir was wünschen dürfte“. Da sitzt nicht jeder Ton, doch gerade dieser „Mangel“ an Perfektionismus macht die Stärke der Interpretation aus: Die Liedauswahl ist eine sehr persönliche und schenkt dem Publikum anrührende Einblicke.

Immer wieder diskutieren Wendy und Helmfried, den sie stets Humphrey nennt, die einzelnen Nummern, wobei von Lüttichau gekonnt Haken schlägt, an passender Stelle den von ihm geschätzten Robert Gernhardt zitiert, eigene Gedichte vorträgt, die Wies’n-taugliche Bierzelt-Choreographie von Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ vorstellt oder eine eigene Textversion von Charles Aznavours „Du lässt Dich gehen“ anstimmt. Er spielt Szenen aus Molieres Menschenfeind oder „Jedermann“, gibt den Held in grünen Strumpfhosen. Und weil auch ein Stück von Bob Dylan auf die Platte soll, man den aber ohnehin nicht versteht, wählt von Lüttichau wieder das Oberbayrische als passendes Pendant. Ein bunter Abend im besten Wortsinn.

Der Schauspieler, dessen charaktervoll verknittertes Antlitz an die Spitzbübigkeit des Kollegen Fernandel erinnert, stellt den gesungenen Liedern stets das eigene Leben gegenüber, was, wie im Fall von Rio Reisers „Gefahr“ auch mal diametral anders ausfallen kann: Denn statt des „Sprungs aus den Wolken in ein Haifischmaul“ oder dem „Tauchen bis zum Tiefenrausch“, Drogen und Alkohol fühlt sich der Helmfried eben in seinem E-Auto bei Tempo 100 hinter einem LKW wohl und genießt seinen Wein nur noch in homöopathischen Dosen.

Dramaturgisch locker verknüpft lebt der Abend weniger von kabarettistischer Präzision als vielmehr vom Menschen Helmfried von Lüttichau, was dem Spiel durch den durchgehend warmen Ton eine hohe Authentizität und Präsenz beschert. Man ist berührt und erlebt einen klingenden stream of consciousness, der in einer feinen Szene ausklingt: Plötzlich nennt Wendy den Künstler bei seinem richtigen Namen, ist – wie das Publikum – ergriffen vom Gehörten, von dem, was raus musste, und will mit Helmfried noch was essen gehen. Nach diesem Abend würde man das vielleicht auch gerne mal machen.

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