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Ein Wegbegleiter

Es gibt auch im tagtäglichen News-Tornado Nachrichten, die die Welt einen Moment lang stillstehen lassen. Wie diese im Status eines Freundes: Gerd Knebel, Kabarettist und Comedian, Musiker und nicht zuletzt Hälfte des Duos „Badesalz“, ist tot – am 24. Januar verlor er den Kampf gegen eine Krebserkrankung. Ungläubig erinnert man sich an unzählige Momente des Lachens – und möchte weinen.

Was der Künstler Gerd Knebel in seinem 72-jährigen Leben alles schuf und erlebte – unter anderem Gründungsmitglied und Sänger der hessischen Band „Flatsch“, Duo „Badesalz“ mit Henni Nachtsheim, Bühnenpartner zahlreicher anderer Künstler, Solokabarettist, vielseitiger Musiker und einfach ein unfassbar kreativer Kopf -, davon berichten zahlreiche rasch erschienene Nachrufe.

Dieser möchte an Gerd Knebel als buchstäblichen Wegbegleiter erinnern: Seit den 1990er Jahren bin ich großer Fan von „Badesalz“, kann viele Sketche auswendig mitsprechen. Und so war und ist der Humor der beiden irgendwie immer präsent. Gerd Knebel und Henni Nachtsheim haben Nummern geschrieben, die mir an passender (und unpassender) Stelle sofort durch den Kopf schießen. Da braucht man gar nicht drüber reden, da könnt‘ ich grad‘ verrückt werden.

Erst vor ein paar Wochen gab es diese Szene in einer Chorprobe, in der der Dirigent am Keyboard herumpfriemelt und eine ältere (!) Dame aus dem Alt laut fragt, ob denn da auch der Lambada dabei sei. Oder die eigene Frau, die im vergangenen Sommer auf der Rückfahrt von einem Konzert eine Bemerkung macht, die mich vor Lachen fast ins Lenkrad beißen lässt: An einer Ampel kommt neben dem eigenen Auto ein Südländer zum Stehen, aus dessen offenen Fenstern laut anatolische Musik zu hören ist. Und die Gattin meint nur trocken: „Hätte ich mir bloß nicht diesen arabischen Eierkocher gekauft.“ „Badesalz“ hatte viele Nummern, deretwegen die PC-Wächter heute laut aufjaulen würden. Dabei schaute das Duo nur genau hin. Und dem Volk dabei auf’s Maul.

Auch als Solist war Gerd Knebel ein genauer Beobachter. Drei Programme stammen aus seiner Feder – alle haben wir 2009, 2013 und 2017 im Mainzer Unterhaus gesehen: „Um was geht’s hier eigentlich“, „Wörld of Drecksäck“ und „Weggugge“. Letzteres hat der bärbeißige Hesse, jener raue Kerl mit weichem Kern, nie getan: Er hat hingeschaut und deutlich Stellung bezogen. Knebel schlüpfte hierfür immer wieder in neue Rollen, ging in seinen Sketchen zuweilen wohltuend dreist bis an die Grenze und darüber hinaus. Mit Nachtsheim durften wir Knebel in der damaligen Mainzer Phönixhalle in „Dugi otok“, „Binndannda“ und „Dö Chefs!“ erleben, nicht zu vergessen der Podcast „Radio Badesalz“, mit dem das Duo unfassbar kreativ auf die Zeit der Lockdowns während der Corona-Pandemie reagierte. Danke für alles!

Es gibt auch eine ganz persönliche Erinnerung: Als ich für das Rheingau Musik Festival 2017 einen Einführungstext zu einem ganz besonderen Konzert schreiben durfte – eine hessische Variante der Molière-Komödie „Monsieur de Pourceaugnac“ mit Musik von Lully –, fragte ich bei „Badesalz“ an, ob sie mir hierfür nicht mit einer kleinen Abhandlung über das Besondere des hessischen Dialekts zur Hand gehen könnten. Und das taten sie gerne. Noch heute denke ich dankbar an diese unkomplizierte Hilfsbereitschaft zurück. Auf die begeisterte Besprechung einer Aufführung ihres letzten gemeinsamen Theaterstücks „Kaksi Dudes“ in Trier hin schrieb Henni Nachtsheim, dass man sich doch beim nächsten Mal auf jeden Fall persönlich treffen müsse. Ich bin sehr traurig, diese Chanche verpasst zu haben.

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