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Extra ordinär

MAINZ (21. Dezember 2025). Wer eine Karte für die Kay-Ray-Show kauft, sollte wissen, worauf er sich einlässt und bitte bitte kein politisch korrektes Kabarett erwarten. Denn bevor der Künstler sich das vorwerfen lassen müsste, würde er wahrscheinlich lieber zu seinem gelernten Beruf zurückkehren und anderen Leuten die Haare schneiden.

Nein, Kay Ray ist, obwohl geschminkt und frisiert, in der Wolle wohl so ungefärbt wie kaum ein anderer Kollege in der Kleinkunst- und Comedyszene (von Kabarett wollen wir hier lieber nicht reden). Der 60-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund, aus dem es den Abend über ungefiltert herausschießt. Er akzeptiert keine Schere im Kopf, keine Denk- oder Sprechverbote: „Ficken, ficken, ficken, Zigeunersoße, Zigeunersoße, Zigeunersoße“, tobt er wie ein zum Wutbürger mutiertes Rumpelstilzchen über die Unterhausbühne. Farbige Mitbürger sind Neger, Türken tragen mit Vorliebe Trainingshosen, damit die Ziegen keinen Reißverschluss hören. So geht es fast drei Stunden lang. Und das macht vor allem eins: unglaublich müde.

Gefiel der Künstler in früheren Shows ob seiner unkonventionellen Art, hat er sich in seine Mission derart hineingesteigert, dass es mittlerweile jedes Maß sprengt. Keine Frage: Es gibt an diesem Abend auch was zu lachen und nicht selten ertappt man sich dabei, dass man das vielleicht nicht will und doch tut. Doch an vielen Stellen schweigt man auch, ist peinlich berührt. Früher war Kay Ray extraordinär, heute ist er nur noch extra ordinär.

Die Kay-Ray-Show ist ein einziges Draufhauen. Und das im Namen der Freiheit. So einer wie Kai David, so der bürgerliche Name des Wahlhamburgers, lässt sich nichts sagen: weder von Medienhuren, noch vom Scheiß-Fernsehen, Weltverbesserern oder einer Regierung. Dass er mit diesem Drall Gefahr läuft, das Narrativ der Verschwörungsschwurbler zu bedienen, scheint ihm genauso egal zu sein wie die Gefühle anderer Menschen, auf denen er mir Verve herumtrampelt.

Eine blinde Zuschauerin, die bei ihm mal in der ersten Reihe saß, habe er angepöbelt, was sie da wolle, sie solle sich doch weiter hinten hinsetzen. Noch ein Original des Abends: Kay Ray war ja auch mal Reiseleiter und sollte eine Gruppe Polen zur KZ-Gedenkstätte Auschwitz bringen. Er fragte vor Ort nach dem Weg: „Ich habe den Bus voller Polen. Wo geht’s denn hier nach Auschwitz?“ Die Antwort: „Nach Auschwitz? Ich glaube nicht, dass die da noch was machen.“ Dass just an diesem Tag im fernen Australien der Opfer des antisemitischen Anschlags am Bondi Beach in Sydney gedacht wurde, lässt den Künstler nicht innehalten geschweige denn überlegen, denn sonst würde ja wieder das Denkverbot greifen.

Was schmerzt mehr: derartige Geschmacklosigkeiten oder die gut gelaunte Reaktion des Publikums, das sich darüber scheckiglacht? Aber mehr will Kay Ray ja auch gar nicht, wie er immer wieder beteuert. Wer mal aufs Klo geht, wird Teil der Show: „Gehst Du kacken oder suchst Du was zum Ficken?“ Überhaupt liebt es der Comedian, wie ein pubertierender Teenager endlos vermeintlich schlimme Wörter zu repetieren: ficken, ficken, ficken. Doch diese Klinge, die immer in die gleiche Kerbe schlägt, wird bald stumpf. Was den Künstler natürlich nicht eine Sekunde zögern lässt: Er geht diesen Weg bis zum bitteren Ende der Show, wo es unappetitliche Bilder von einem Surströmming essenden Mann zu sehen gibt, der sich wegen des stechenden Geruchs dieser schwedischen Fischspeise übergibt.

Wenigstens das passt zur Show, die ansonsten eine krude zusammengezimmerte Nummernrevue aus Ficken, Kacken, zu (viel zu lautem Playback) gesungenen Liedern von Kate Bush oder 21 Pilots, abgestandenen Witzen aus der Jugendzeit, Kritik an Angela Merkel (warum eigentlich gerade hier und jetzt?) und mal mehr, mal weniger lustigen Videoeinspielern ist. Dazwischen fordert Kay Ray Denk- und Redefreiheit, die ja hierzulande bekanntermaßen eingeschränkt ist Was war noch? Ach ja: Ficken, ficken, ficken. Und Fotze.

Keine Frage: So einer wie Kay Ray kann nicht brav. Und das kann auch keiner wollen. Im Gegenteil: Es braucht Künstler, die beim Gegen-den-Strich-Bürsten auch mal keine Rücksicht auf Verluste walten lassen. Aber dahinter sollte eine Haltung stehen. Und nur lautstark dagegen zu sein, ist keine Haltung.

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