Ein letzter Abend mit „Liederjan“
MAINZ (31. Januar 2026). 1985 hat das Trio „Liederjan“ den Deutschen Kleinkunstpreis erhalten – aus den Händen von Hanns Dieter Hüsch, wie sich Gründungsmitglied Jörg Ermisch auf der Unterhausbühne erinnert. Damals ist das Ensemble gerade mal zehn Jahre jung, Michail Gorbatschow wird Generalsekretär der KPdSU, bei den Landtagswahlen im Saarland und in Nordrhein-Westfalen erzielt die SPD absolute Mehrheiten, das Leugnen des Holocaust wird in der Bundesrepublik unter Strafe gestellt, französische Agenten versenken in Auckland das Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrior“ und auf einer Pressekonferenz wird Windows 1.0 präsentiert.
Vierzig Jahre später hat „Liederjan“ sein 50-jähriges Bestehen gefeiert und in Mainz verkündete das Trio nun, dass im März Schluss ist. Angefangen mit Jörg Ermisch, Anselm Noffke und Jochen Wiegandt wechselte die Besetzung immer mal wieder. 2003 kam nach dem Tod Noffkes mit Hanne Balzer erstmals eine Frau dazu, im Jahr 2016 als letzter Neuzugang Philip Omlor, der mit Ermisch und Balzer jetzt auch im Unterhaus zu sehen und vor allem zu hören war. Das aktuelle Programm, das noch sieben Mal gespielt wird, heißt „Es macht ja auch Spaß“.
Diese augenzwinkernde Anmerkung überdeckt im Unterhaus die Wehmut der zahlreich erschienenen Fans. Keine Frage: „Liederjan“ gehört zu den ganz Großen der deutschsprachigen Kleinkunst- und Liedermacherszene. Was mit der Interpretation von Volksliedern und Folksongs anfing, entwickelte sich mit eigenen Stücken zur Marke, die auf der Homepage des Trios mit „Folk, Chanson, Kabarett, Comedy und einfach nur Dummtüch“ passend beschrieben wird. Balzer, Ermisch und Omlor haben in Mainz rund 20 Instrumente dabei: neben diversen Gitarren vom Akkordeon über Querflöte, Sopransaxophon, Flügelhorn, Posaune und Tuba bis hin zur Teufelsgeige – also eigentlich ein kleines Orchester.
So vielfältig die einzelnen musikalischen Begabungen ist das Programm aus lautem Protest, nachdenklichen Liedern und anrührenden Instrumentalstücken. Balzers Tuba und Ermischs gestopfte Posaune im Duo – einfach grandios. Irgendwie klingt parallel immer der Refrain eines Liedes von Kollege Reinhard Mey mit, das er bestimmt auch schon mal vor Ort gesungen hat, denn der Barde war in den Gründungsjahren des Unterhauses steter Gast: „Da lob‘ ich mir ein Stück Musik von Hand gemacht, noch von einem richt‘gen Menschen mit dem Kopf erdacht. ‘Ne Gitarre die nur so wie ‘ne Gitarre klingt und ‘ne Stimme die sich anhört als ob da jemand singt. Halt ein Stück Musik aus Fleisch und Blut, meinetwegen auch mal mit ‘nem kleinen Fehler, das tut gut. Das geht los und funktioniert immer und überall – auch am Ende der Welt, bei Nacht und Stromausfall.“
Und genau das ist und war „Liederjan“ in den vergangenen 50 Jahren: Robustes musikalisches Handwerk mit liebenswert norddeutschem Charme, nie aalglatt, sondern bewusst kantig – das Programm des Abends steht für dieses markant Ungeschliffene. Es offenbar allerdings auch, dass ein solches Ensemble und seine Kunst es heute immer schwerer haben: Sie wollen leider nicht mehr so recht in unsere Zeit passen, wobei dieser Gedanke weniger Kunst und Künstler als vielmehr die Zeit angreift. Auch Urgesteine bröckeln eben irgendwann. Vielleicht ja ebenfalls ein Grund, dass Hanne Balzer (*1958) und Jörg Ermisch (*1948) nun ihre Instrumente zumindest auf der Kleinkunstbühne aus der Hand legen?
Gleichviel: Für die Szene ist der Abtritt von „Liederjan“ ein herber Verlust – hätte man einen Hut auf, zöge man ihn dankbar und voller Respekt für das musikalische Lebenswerk dieser Künstler, an dem im Laufe der Jahre auch die Musiker Rainer Prüss, Edzard Wagenaar, Wolfgang Rieck, Jürgen Leo, Klaus Irmscher und Michael Lempelius mitwirkten. Als Nachfolger bringt das Trio selbst die Band „Kapelle Petra“ aus Hamm ins Spiel, deren Lied „An irgendeinem Tag wird die Welt untergehen“ an diesem Abend im Unterhaus erklingt.
Dass und wie sich die Liedermacherszene weiterentwickelt, zeigt auch die Ein-Mann-Vorgruppe, der „Liederjan“ an diesem Abend für zwei Lieder die Bühne überlässt: Liedermacher Melvin Haack serviert mit toller Stimme und prickelnder Wortkunst an der Gitarre zwei Appetithäppchen – das ganze Menü gibt’s dann am 5. Juni im kleinen Unterhaus.


