Leuchtturm in den Stürmen unserer Zeit
MAINZ (27. FEBRUAR 2026). Bevor Matthias Deutschmann (diesmal ohne Cello) die in rotes Licht getauchte Unterhaus-Bühne betritt, wummert ein fetter Bläsersatz aus den Boxen: Es ist das Intro von AC/DCs „Highway to Hell“. Und angesichts der aktuellen Weltlage wähnt man sich tatsächlich zuweilen in einem Abgrund. „Trump hätte wahrscheinlich YMCA gespielt“, sinniert der Kabarettist: „Aber wir bleiben sachlich.“ Es wird das Credo des Abends sein.
Deutschmanns aktuelles Programm heißt „Propaganda à la carte“ und feierte im Oktober 2025 seine Premiere in Karlsruhe. Dass sich der Künstler auch in Mainz besonders wohl fühlt, merkt man: Er zitiert Hüsch, unterstreicht seine persönliche Nähe zum Unterhaus. Hier hatte er vor 20 Jahren (übrigens fast auf den Tag genau) am Vorabend des Mainz-Besuchs von Georg W. Bush gespielt und statt seines geplanten Programms zwei Stunden lang improvisiert. Wer hätte gedacht, dass man sich nach diesem US-Präsidenten mal zurücksehnen würde?
Deutschmann arbeitet sich gewohnt an vielen Köpfen ab, doch er vermeidet diesmal die allzu aktuelle Bezugnahme. Ihm geht es in „Propaganda à la carte“ um einen größeren Zusammenhang. „Was ist Wahrheit?“, fragt der römische Statthalter Pontius Pilatus im Gespräch mit Jesus. Dass dieser Satz im 18. Kapitel des Johannesevangeliums (Vers 38) steht, könnte der Kabarettist wahrscheinlich wie aus der Pistole geschossen anmerken. Die an diesem Abend angeführten Bibelverse stammen jedoch aus dem Alten Testament: Es geht um die Geschichte des Volkes Israel, um tradierte Glaubenssätze, die heute hüben wie drüben reale (und blutige) Politik zu rechtfertigen suchen. Und schon ist man wieder beim Thema Propaganda: Glauben statt Wissen, gefühlte Wahrheit statt Sachkenntnis.
In so einer Gemengelage erlaubt sich Deutschmann mit einem köstlichen Neologismus die Frage, inwieweit die Welt überhaupt noch kabarettabel sei. Muss der Geist vor der Wirklichkeit gar kapitulieren? Mitnichten: Nur wer um die wahren Zusammenhänge weiß, kann Lüge von Wahrheit unterscheiden. Und mit einem überschäumenden Bewusstseinsstrom reißt Deutschmann sein Publikum mit, wirft es mit scharfen Pointen und beißenden Winkelzügen (um auch mal Hölderlin zu zitieren) von Klippe zu Klippe.
Matthias Deutschmann ist ein kluger Kopf. Wichtige Bücher liest er, wie er sagt, als Serviceleistung für sein Publikum, um die wegweisenden Erkenntnisse in delikaten Sottisen zu destillieren. Seine Angriffe sind selten frontal, kommen oft aus der Hüfte. Beim Thema Bundeswehr erinnert er sich – eine von mehreren Einblicken in die eigene Biografie und Familiengeschichte – an seine Musterung und die berühmte Frage, was er denn gegen den Russen zu tun gedenke, der im Begriff sei, seine Freundin zu vergewaltigen: „Ich hätte natürlich geschossen.“ Aber natürlich würde er heute seine Freundin erst mal fragen, ob er überhaupt helfen dürfe.
Immer wieder entschuldigt sich Deutschmann für vermeintlich derbe Scherze und schafft damit geschickt Distanz. Doch im Grunde ist es ihm bitterernst. Die Suche nach der Wahrheit verlange wie die Sorge für die Demokratie harte Arbeit. Viele Menschen verlören leider zu schnell die Lust und sehnten sich nach einem Führer, der ihnen verspreche, die Probleme auf seine Art zu erledigen. Deutschmann braucht den Namen des amtierenden US-Präsidenten gar nicht aussprechen. Auch dort regiert die Propaganda: mit einem Verteidigungsminister Peter Hegseth, der mittlerweile offiziell Kriegsminister ist und sich, wie man erfährt, das bei Amokläufern beliebte Sturmgewehr AR-15 auf den Arm tätowieren ließ.
Wie gewohnt holt Deutschmann zum großen und erfrischend kurzweiligen Rundumschlag aus, dem keiner entkommt: weder der amtierende Bundespräsident, noch die Floskeln der Politik, weder Höcke noch Netanjahu, weder Linke noch Rechte. Mit festem Kurs steuert der Künstler sein Programm durch das Meer von Behauptungen und Fehlinformation, vulgo Propaganda. Von Goebbels stammt das Zitat: „Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben.“ Und die SED war überzeugt: „Wahr ist, was uns hilft.“
Deutschmann redet hingegen keiner politischen Richtung nach dem Mund: Sein Kabarett ist im besten Sinne investigativ, bietet in rauer See die nötige Verlässlichkeit. Mit klugen und unfassbar faktenbasierten Gedanken erfasst er einem Laserstrahl gleich die drängenden Fragen einer Gegenwart, in der man auf der Suche nach verlässlichen Richtigkeiten in den tsunamiähnlichen Wellen von Fakenews und Halbwahrheiten Schiffbruch zu erleiden droht. Wie gut, dass im deutschen Kabarett noch solche Leuchttürme stehen.


