Völlig losgelöst
MAINZ (10. Oktober 2026). Comedy – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2026. Dies sind die Abenteuer des Chaostheaters Oropax, das mit seinem Programm „Zwei wie kein anderer“ unterwegs ist, um komische Welten zu erforschen, neue Gags und Wortspiele zu entdecken. Gefühlt viele Lichtjahre von der Vernunft entfernt dringt das Bruderpaar in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. So zumindest kommt einem der Start der Show im Frankfurter Hof vor, denn sie beginnt tatsächlich mit einer Raummission.
Kostümiert, als hätte ein aufgeweckter Knabe all seine überbordende Phantasie zusammengenommen und sich daraus einen Raumanzug geschneidert, „schwebt“ Volker Martins geradezu schwerelos über die Bühne. Sein Bruder Thomas winkt mit stets wachsendem Arm ins Publikum, das schon durch diese erste Szene auf das Kommende eingestimmt wird: einen Abend völlig losgelöst von Sinn und Verstand. Wobei das natürlich nicht stimmt: Das Chaostheater Oropax mag nonstop Nonsens verzapfen, doch das ist intelligent komponiert und bei allem Quatsch geistvoll wortverspielt. Es ist gerade diese Spannung, die charakteristisch für das komödiantische Treiben der Martins-Brüder ist.
Gags landen mit punktgenau gesetzten Gesten und doch wirkt alles wunderbar improvisiert: Ob Volker erst umständlich einen Zettel hervorkramen und seine Brille aufsetzen muss, um sich für die Begrüßung an den Auftrittsort zu erinnern, oder Thomas als acht-jähriger Tobias mit abgeklebter Brille auf den Knien herumrutscht und sich im Diskant mit seinem Papa „unterhält“: Der Aberwitz schlägt Kapriolen.
Beim Zahnarzt erlebt man verschiedene Momente: „Die Milch-Szene, die bleibende Szene und die dritte Szene – These, Antithese, Prothese“, doziert Dentist Volker und verscheucht die Zahnfee von der Bühne. Denn Thomas ist als großer weißer Vogel kostümiert – ein Missverständnis: „Schwansee.“ Allein schon die Kostüme, die oft nur für einen einzelnen Gag entworfen sind, zeigen die Liebe der Brüder zum Detail.
Und wie wichtig ihnen ihre Arbeit ist: Seit mehr als 30 Jahren stehen die beiden professionell auf der Bühne und haben sich in die Herzen ihres Publikums gespielt. Immer am Start: die Liebe zu Kalauern und Wortakrobatik, voller Körpereinsatz, der Hang zum Perfektionismus, der allerdings mit frischem Mut zur Spontanität korrespondiert. Auch darin kommt eine tiefe brüderliche Verbindung zum Ausdruck – nicht nur durch den vermeintlichen Zungenkuss zu Beginn.
Mit dabei ist natürlich wieder der Mönch, der sein Gegenüber gewohnt zum Wahnsinn treibt. Hier springt das Spiel auf eine weitere Ebene, indem Volker aus dem Spiel herauszutreten scheint und seinen Tonmeister maßregelt. Doch der ist auf der Seite des grüßenden Geistlichen und hat das Publikum natürlich hinter sich.
Wer zu Oropax kommt, hat gewisse Erwartungen – und wird auch an diesem Abend nicht enttäuscht. Es ist übrigens der zweite Auftritt nach der Premiere tags zuvor in Karlsruhe. So sehr die Shows auf vertrauten Schienen laufen: Volker und Thomas Martins verstehen es, ihre altbekannten Muster (Stichwort Leberkäse) so frisch und unverbraucht zu präsentieren, als erlebte man dieses Chaostheater zum ersten Mal.
Für eine Nummer mit Musical- und Operntiteln haben sich die beiden in Pappschale geworfen, in einer anderen Nummer wird es stofftierisch, ein Hummer will an Marianne graben und Modefachmann Jean Darm berichtet live vom Catwalk. Am Schluss kehrt die Show mit dem Auftritt des legendären Herrn Pinski ins All zurück, wo sich die grenzdebile Kunstfigur seit Längerem von zirkulierendem Eigenurin ernährt. Was sich hier vielleicht abstrakt liest, kumuliert in hoher Taktzahl und Gagdichte zu einer weiteren Oropax-Show der Extraklasse. Die beiden machen dem Programmnamen alle Ehre, sind sie doch tatsächlich „Zwei wie kein anderer“.


