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Hochleistung im Grundkurs

MAINZ (8. Oktober 2026). Ein Abend mit Pigor und Eichhorn verspricht immer einen besonderen Genuss. Nach ihrem Programm „Einführung für Anfänger“ präsentierte das Chanson-Duo im Unterhaus jetzt „Grundkurs II“. Tatsächlich gingen auf die Frage, wer denn an diesem Abend das erste Mal in einer Show der beiden sei, ein paar wenige schüchterne Hände nach oben. Für die gab es eine kurze Zusammenfassung der ersten vier Programme, jeweils anhand der ersten Liedzeilen eines ausgewählten Songs. An der Publikumsreaktion – offenbar sind überwiegend große Fans da – könnte man so eigentlich einen ganzen Abend gestalten: Ob „Toothbrush-Scratch“, „Heidegger“ oder „Hauptbahnhof von Paris“ – immer geht ein wohliges Glucksen durchs Auditorium.

Sozusagen als Zusammenfassung der „Einführung für Anfänger“ gibt es den Song „Berlin ist pleite“ – obgleich schon 25 Jahre alt noch immer brandaktuell. Mit dem aktuellen Programm haben Pigor und Eichhorn ihre „Volumen 5 bis 10“ im Visier und dabei Großes vor: Sie führen das Publikum ein in die Welt des Salons des 19. Jahrhunderts – ein Treffpunkt für Menschen, um sich über Kunst, Literatur, Musik, Wissenschaft und Politik auszutauschen.

Welch faszinierende Projektionsfläche für diese beiden Salon-Hip-Hopper! Denn aus genau diesen Disziplinen erwachsen die Texte der Lieder, die Thomas Pigor nicht nur singt, sondern mit seiner faszinierenden Stimme eigentlich schon inszeniert. Die Begleitung durch Benedikt Eichhorn am Flügel sorgt dafür, dass hier musikalische Dioramen entstehen: Man ist hautnah dabei, wenn die beiden beispielsweise in Berlin Bärte zählen.

„Grundkurs II“ ist eine charmante Zusammenstellung von vielen alten und ein paar neuen Liedern. Das Duo mixt wie immer süffisante Zeitgeistkritik, beißenden Spott, kluge Beobachtung und politische Statements zu einem pikanten Cocktail. Den trinkt Pigor auch gleich selbst und liefert als betrunkener Chansonier, der den Blues hat, auch gleich ein Beispiel seiner Schauspielkunst. Auch das altbekannte Hin und Her zwischen den beiden wird genüsslich gepflegt.

In „Oktoberfest“ wird über die industrielle Zünftigkeit hergezogen und im swingenden „Gott ist tot“ das Mitklatschen mit dem Satz „Jetzt sehen Gläubige mal, wie sich Nichtgläubige in einem Gospelkonzert fühlen“ kommentiert. Eichhorn gibt den grandiosen Jazzpianisten – überhaupt soll hier mal die klingende Säule als wichtiger Garant der Güte dieses Duos hervorgehoben werden: Mag Benedikt oft eins auf die Mütze bekommen, sein Spiel ist mitreißend und nicht weniger als der fruchtbare Boden, auf dem die von Pigor gesungenen Verse erst so richtig austreiben können. In Rente dürfen diese beiden auf jeden Fall so bald nicht gehen – werden sie nach der feinen Konstantin-Wecker-Imitation „Rente“ so bald hoffentlich auch nicht.

Pigor und Eichhorn reiten nicht nur Attacken auf den Lachmuskel – „Grundkurs II“ hält auch Momente bereit, die unter die Haut gehen: Im Lied „Europa“ wird der brüchige Zustand in die Metapher des einst stolzen und heute schlingernden Schiffs gekleidet. Oder es geht um die „Überbewertung der nationalen Zugehörigkeit“ – auch das brandaktuell und daher doppelt berührend.

Quasi als Gegengift für’s Gemüt reichen die beiden etwas, was für sie unabdingbar zu einem richtigen Salon gehört: Neben interessanten Informationen (wie die, dass Deutsche oder Deutschsein nicht mehr als romantisch verklärte Kopfgeburten waren und sind), gibt es nämlich dreiminütige Vorträge über eher weniger fesselnde Themen wie doppelte Buchführung oder die Bedeutung der Musik Richard Wagners für die Entwicklung der abendländischen Musik.

Vor der Pause fordert Pigor das Publikum auf, ebenfalls Kurzreferate zu derart schnarchigen Themen zu halten und tatsächlich spricht Corali auf der Bühne drei Minuten über den Regenwurm und sein Sexualverhalten. Herrlich: Während Pigor mit der Stoppuhr lauscht, bricht Eichhorn am Flügel vor Lachen fast zusammen. Großes Lob für Coralis Mut und Exkurs. Und da der Pianist gewettet hat, dass sich diesmal keiner meldet, gibt es auf seine Kosten eine Runde Wodka fürs Publikum.

Was machen übrigens Stichsäge, Staubsauger, Ventilator oder Teekanne auf dem Flügel? Eichhorn klärt auf: Diese auch privat gut zu gebrauchenden Gegenstände seien heute Abend Requisiten, damit sie steuerlich absetzbar sind. Guter Gedanke. Und während die Tabletts mit dem Wodka herumgehen, lässt sich der Pianist mit Gudrun aus dem Publikum und den Produkten als fiskalischer Nachweis ablichten – auch der Wodka ist übrigens eine Betriebsausgabe. So wird der Chanson-Abend zur spritzigen Mischung aus Happening und Performance. Ein Abend mit Pigor und Eichhorn verspricht eben immer einen besonderen Genuss.

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