Voll ins Schwarze getroffen
WIESBADEN (2. September 2026). Es ist ja nun nicht so, dass alle Gäste des Rheingau Musik Festivals mit bierernsten Gesichtern auf ein Schumann-Klavierkonzert oder eine Sinfonie von Beethoven warteten, aber die ausgelassene und spürbar heitere Stimmung, die an diesem Abend vor Konzertbeginn im ehrwürdigen Thiersch-Saal des Kurhauses herrscht, unterscheidet sich doch arg von der Atmosphäre kurz vor einem klassischen Konzert. Und das liegt natürlich in erster Linie am heutigen Stargast: Es ist die Comedienne Martina Hill. Gemeinsam mit dem WDR Funkhausorchester wird sie gleich den Filmprojektor für das Kopfkino anwerfen. Heute im Programm: „Robin Hood – Neu verschossen“.
Das wird auf jeden Fall höchst amüsant, doch noch heißt es für die Lachmuskeln „Contenance!“: Das Orchester spielt als Ouvertüre die Symphonic Suite, die Michael Kamen für den 1991 erschienenen Film „Robin Hood – Prince of Thieves“ (mit Kevin Costner in der Rolle des Titelhelden) komponierte. Ohnehin hat das Rheingau Musik Festival in jüngerer Zeit stilsicher das Faible seines Publikums für Soundtracks entdeckt und schmückt seit einigen Spielzeiten das Programm immer wieder mit entsprechenden Konzerten.
Die eröffnende Suite besticht durch einen dramatischen und emotionalen Orchestersound: Kraftvolle Blechbläser, weit gespannte Streicher und prägnantes Schlagwerk erzeugen eine heroische und spannungsreiche Wirkung. Wechselnde Leitmotive und starke Kontraste zwischen ruhigen und wuchtigen Passagen prägen das Werk, wobei Kamen spätromantische Klangfarben mit dem typischen Hollywood-Sound der 1990er-Jahre verbindet und dadurch eine eindrucksvolle, bildhafte Atmosphäre erschafft. Auch hier heißt es bereits: Licht aus, Kopfkino an.
Das WDR Funkhausorchester ist an diesem Abend bestens aufgelegt. Und man merkt sofort: Heute ist es ein anderes Konzert. Alles klingt irgendwie lockerer und entspannter, dabei natürlich trotzdem hochkonzentriert. Vielleicht ist es ja auch ein Stück weit das Kölsche Wesen, das diesen Klangkörper so elastisch und nahbar wirken lässt? Schließlich durfte man das Orchester in puncto Humor schon mehrfach gemeinsam mit der Kölner Stunksitzungs-Hausband „Köbes Underground“ erleben. Und genauso spritzig klingt es heute, elegant geleitet von Gordon Hamilton.
Doch der Kamen war ja „nur“ das Entree und Applaus brandet auf, als Martina Hill die Kurhaus-Bühne betritt. Sie erzählt den (eigentlich erstaunlich kurzen) Plot der Robin-Hood-Filme auf ihre ganz eigene Art. Wer sich gefragt hatte, wie sie das wohl angehen würde, bekam schon vor dem Konzert im Programmheft den entsprechenden Wink: Robin von Locksley wird nicht auf Maid Marian treffen, sondern auf Maid Mandy.
Hill kleidet die einzelnen Figuren vokal in ihre Paraderollen, die sie in der ZDF-Satiresendung „heute show“ kultiviert hat: Neben der (natürlich breit sächselnden) Geliebten des Vagabundenkönigs tritt ihre Zofe Larissa auf! Und wollte man an diesem Abend etwas kritisieren, dann nur, dass neben Mandy Hausten nicht auch noch die Berlin-Kreuzberger Grünalternative Dörte Hausten, geschiedene Knülling-Dingeldey, ihren Auftritt hatte. Köstlich das alles: Der im Ghetto-Slang sprechende Little John, der gleichnamige böse Prinz, den das Publikum bei jeder Nennung interaktiv ausbuhen darf, Robins Kumpel Will Scarlet, der hier kölschen Dialekt spricht, und noch viele andere Figuren machen die Geschichte zu einer Mordsgaudi.
Flankiert wird Hills grandioses Ohrentheater von der wiederum faszinierend packend gespielten Originalfilmmusik von „The Adventures of Robin Hood“ aus dem Jahr 1938 mit Errol Flynn in der Hauptrolle. Hierfür erhielt der vor den Nationalsozialisten in die USA geflüchtete jüdische Komponist Erich Korngold einen Oscar für die beste Filmmusik. Die Musik aus den vier Sätzen „Old England“, „Robin Hood and His Merry Men“, „Love Scene“ und „The Fight“ wurde aufgesplittet und ist als Soundtrack zu den Spielszenen zu hören. Herrlich, wie Martina Hill die Musik rein mimisch kommentiert – ihr Gesicht könnte hier fast als Untertitel für Gehörlose zum Einsatz kommen.
Die Comedienne beschränkt sich natürlich nicht auf die eigentliche Geschichte, sondern biegt immer wieder mit Schmackes ab, kommentiert, dichtet ein wunderbar verliebtes Gestammel von Little John und Larissa hinzu, lässt Mandy über mangelndes Netz im Sherwood Forest meckern oder erzählt Hintergrundinfos zum Film: Beispielsweise wurde auf die entsprechend „geschützten“ Schauspieler mit echten Pfeilen geschossen, wofür es pro Schuss 150 Dollar Extragage gab – wie viele dabei Witwen und Waisen hinterließen, die somit zu den Schützlingen des strumpfbehosten Rächers geworden wären, ist indes nicht überliefert.
Tolle Musik und herrliche Komik gehen an diesem Abend eine mindestens ebenso prickelnde Beziehung ein wie die zwischen Robin und Maid Mandy. Faszinierend, wie galant Hill zwischen Sächsisch und dem gelangweilten Kaugummislang von Larissa hin- und herspringt. Weil Errol Flynn seinen Robin andauernd lachen lässt, darf er das hier auch tun: „Wie Andrea Kiewel im Fernsehgarten“, ätzt Hill und liefert gleich eine Bombenparodie der ZDF-Kollegin. Auch die legendäre WDR-Sportmoderatorin Sabine Töpperwien hat ihren Auftritt, wenn Robin zum Wettbogenschießen antritt. Wenn es einen Oscar für die beste Parodie eines Hollywood-Streifens gäbe – er wäre Martina Hill sicher.
Zum Schluss noch eine kleine Randbemerkung: Der Abend mit dem „heute show“-Liebling und dem WDR Funkhausorchester ist nolens volens auch ein Statement für die Wichtigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland und seinen gesetzlichen Auftrag einer kulturellen Grundversorgung. Die AfD will auch das alles abschaffen. Dann dürften auch Veranstaltungen wie die an diesem Abend genossene bald gezählt sein. „Dazu darf es nicht kommen!“
Wer Lust bekommen hat, dieses Spektakel zu erleben, kann in der ARD-Mediathek (auch so ein tolles Angebot der Öffentlich-Rechtlichen) eine Aufzeichnung vom 12. September 2025 im Kölner WDR Funkhaus sehen (der Link wurde gekürzt): https://short.do/0L3vDB


