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Einer für alle – alles für einen

GEISENHEIM (16. August 2026). Es ist eines der bekanntesten Stücke William Shakespeares: der „Sommernachtstraum“, entstanden Mitte der 1590er-Jahre. Die Handlung in aller Kürze: Vier junge Menschen aus Athen verlieben sich ineinander (oder auch nicht), werden in einem Wald durch einen Feenzauber völlig durcheinandergebracht, wobei Kobold Puck für zusätzliches Chaos sorgt. Am Ende werden die Zauber aufgehoben, die Liebenden finden zueinander und alle kehren nach Athen zurück, wo sie ein zuvor von Handwerkern ausgiebig geprobtes, absurdes Theaterstück sehen und schließlich heiraten. Das Spiel im Spiel, die Unberechenbarkeit der Liebe, verschwimmende Grenzen zwischen Traum, Wirklichkeit und Wahnsinn – Shakespeare hat hier wahrlich alle Register gezogen und eine Welt voller Witz und Zweideutigkeit erschaffen.

Das Rheingau Musik Festival bespielte mit einer Adaption des „Sommernachtstraums“ einmal mehr seinen Schwerpunkt „United Kingdom“. Die Aufführung als Ein-Personen-Stück mit musikalischer Begleitung lag in den Händen von Rufus Beck und den Pianistinnen Anna und Ines Walachowski. Als Publikumsmagnet sorgte der beliebte Schauspieler für einen ausverkauften Fürst-von-Metternich-Saal auf Schloss Johannisberg.

Dass Beck mit seiner wandlungsfähigen Stimme eine Vielzahl von Charakteren darstellen und gelesenen Geschichten somit zusätzlich Leben einhauchen kann, bewies er in der Vergangenheit vor allem mit den beim HörVerlag eingesprochenen Audiofassungen aller sieben „Harry Potter“-Romane von Joanne K. Rowling, wobei er aus der Lesung ein Schauspiel für die Ohren macht. Ein Markenzeichen dieser Interpretation ist die Verwendung verschiedener Dialekte. Bei Shakespeare lässt er nur einen Charakter bayerisch reden, wodurch sich das Stück zuweilen in Richtung Provinzposse neigt. Ansonsten sind es Tonfall und -lage, die für Unterscheidung sorgen.

Die beiden Pianistinnen spielen – natürlich – die vom Komponisten selbst für Klavier zu vier Händen bearbeitete Schauspielmusik zum „Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Auch dank des berühmten Hochzeitsmarschs und der vier flirrenden Akkorde der Ouvertüre, die so zauberhaft das Tor zum mondbeschienenen Feenreich König Oberons öffnen und im Finale schließen, zählt das Werk zu seinen populärsten Kompositionen.

Anna und Ines Walachowski drängen sich nicht in den Vordergrund, denn der Abend erhält seinen Stempel vor allem durch Becks Bühnenpräsenz. Die Musik ist hier zwar kein Beiwerk, sondern fügt dem vokalen Vortrag eine weitere, wichtige (und durchaus ordnende) Ebene hinzu; dennoch hätten die Pianistinnen gerne etwas blutvoller agieren dürfen. Der Mime hat das Stück andernorts auch schon mit dem Ensemble „Tango Transit“ in Akkordeon-, Kontrabass- und Schlagzeug-Besetzung aufgeführt – im Rheingau bleibt es eher klassisch.

Aber Beck sorgt schon dafür, dass der musikalisch-literarische Abend eine Note erhält, die Emotionalität, Expressivität, Melancholie, Poetik und Dynamik des Stückes gleichermaßen illustriert. Politische Sottisen sind nicht tagesaktuell, hätten ansonsten aber das Potenzial, der Inszenierung eine kabarettistische Seite zu verleihen. Kleine Gesten und Zitate bereichern das Spiel.

Dabei hat Beck nur während der Musik Pause, denn er spielt ja das komplette Personal in vier Gruppierungen: von Oberon und Titania nebst Kobold Puck und Feengefolge über das Herrscherpaar Theseus und Hippolyta, Hermia und Lysander sowie Helena und Demetrius bis zur Theatertruppe um Zettel, also die Götter, die Mächtigen, die Liebenden und die Künstler, denen Shakespeare im „Sommernachtstraum“ Handwerkerkluft anzieht. Respekt!

Und Hand aufs Herz: Wer im Publikum könnte die Handlung verständlich nacherzählen? Der „Sommernachtstraum“ sei die wohl schönste Komödie Shakespeares, sagt der Schauspieler zu Beginn: „Aber auch die komplizierteste.“ Vom Festival im Saisonprogramm als „eine der schönsten Stimmen Deutschlands“ angekündigt, muss Beck allein durch Mimik und Gestik, Tonfall, Intonation und Dialekt das komplette Theaterequipment aus Bühnenbild, Kostümen und (bis auf eine Sonnenbrille) Requisiten ersetzen. Beim rasanten Tempo, das er an den Tag legt, muss man durchaus aufpassen, den Faden zu behalten, den diese Ein-Mann-Truppe da beständig weiterspinnt.

Das Stück zitiert an einigen Stellen die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck, wird ansonsten aber großzügig paraphrasiert. Beck gönnt sich manchen Exkurs und wandelt dabei durchaus auf dem schmalen Grat zwischen ironischem Kolorit und unnötiger Länge. Was im ersten Teil noch gut ankommt, wie der an Lysander angelehnte Frauenversteher-Ratgeber, verliert nach der Pause spürbar den Drive. An anderer Stelle wird arg gerafft; so kommt die köstliche Theaterprobe zu kurz und das Stück im Stück wird eher als Zugabe angeflanscht.

Natürlich lebt der Abend von Becks Flexibilität. Dass er dabei die Charaktere überzeichnet, ist logisch, wirkt manchmal aber etwas schrill. Doch irgendwie passt das ja auch, denn zu gerne erinnert man sich an seine Rolle der Waltraud in „Der bewegte Mann“. Und Medienberichten zufolge soll Sönke Wortmanns erfolgreiche Filmkomödie aus dem Jahr 1994 unter der Regie von Til Schweiger und unter anderem mit Rufus Beck demnächst eine Fortsetzung erfahren.

Amüsant das alles, ohne Frage. Aber so richtig wollen an diesem Abend die Funken dann doch nicht ständig fliegen und überspringen. Vielleicht ist das auch dem Saal geschuldet? Der fasst rund 500 Zuschauer, von denen die hinteren Reihen von Becks Mimik und Gestik eher wenig mitbekommen haben dürften. So erlebt das Publikum auf Schloss Johannisberg eine eigenwillige Bühnenfassung des „Sommernachtstraums“, die sich stilistisch (wie die Handlung selbst ja auch) durchaus zwischen verschiedenen Welten bewegt: vom augenzwinkernden Originalzitat bis zur eigenwilligen Stand-up-Comedy, die von der Musik jedoch stets eingefangen wird, wenn Beck mal das Hobby-Horse durchzugehen droht. Frei nach Alexandre Dumas: Einer für alle – alles für einen.

Bei der Vorbereitung auf diesen Termin ist der Autor im Internet auf „Sommers Weltliteratur to go“ gestoßen, wo auch Shakespeares „Sommernachtstraum“ vorgestellt wird. Unbedingt empfehlenswert: https://www.youtube.com/watch?v=onPLiA0WRyQ

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