Rhythmus, bei dem man mitmuss
MAINZ (29. April 2026). Wenn Nino Rotas berühmtes Trompetensolo aus der Filmmusik zu „Der Pate“ erklingt, weiß man, was die Stunde geschlagen hat: Die Mafia ist in der Stadt. Heute sind sie gleich zu fünft und schwer bewaffnet. Statt blauer Bohnen hagelt es im Frankfurter Hof jedoch Beats, denn die Paten des Abends bilden die Schlagzeugmafia. Seit 2010 geben die fünf professionellen Drummer den Takt an und sorgen dabei für beste Unterhaltung, die weit über das Metrische hinausreicht.
Auf der Bühne stehen fünf Snare-Drums sowie zwei große Tom-Toms, ein paar kleine Becken und sonstiges Equipment. Keine Frage, die fünf Musiker mit Fedora-Hut beherrschen ihr Handwerk: Da sitzt jeder Beat, alles ist perfekt aufeinander abgestimmt und der Rhythmus ist einer, bei dem man einfach mitmuss. Nach der ersten Nummer fragt man sich kurz mal, wie daraus wohl ein abendfüllendes Programm werden kann. Und wird sofort eines Besseren belehrt: Die fantastischen Fünf erzählen in zweimal 50 Minuten eine rasante Mafiakomödie, wobei sich musikalisches Können gekonnt mit Slapstick und perfekt getimter Situationskomik paart. Optisch untermalt durch farbige Scheinwerfer und garniert mit Einspielern wird daraus das höchst kurzweilige Musiktheater „Backstreet Noise“, das vollkommen ohne Text auskommt.
Alles beginnt mit der sizilianischen Mama, die sich lautstark gegen den Höllenlärm der Trommeln wehrt und „Silencio!!!“ fordert. Da sich die Drummer jedoch nicht im Zaum halten können, stehen bald die Carabinieri vor der Tür. Rasch wandelt sich der mafiöse Beat-Schuppen zur Tarnung in eine Pizzeria, denn schließlich kann man auch mit Parmesanreibe (Percussion-Zylinder), (Schnee-)Besen und Pizzaböden (Plastikdeckel) für den richtigen Groove sorgen. Die in ihrer Nachtruhe gestörte Mama lässt jedoch nicht locker und schickt schließlich eine Morddrohung: statt blutigem Pferdekopf mit zerbrochenem Drumstick. Derart feine Gags ziehen sich wie ein rotes Band durch die Show, bei der natürlich buchstäblich immer wieder kräftig auf die Pauke gehauen wird.
Herzschlag des Stücks ist die Perfektion der Perkussion, wobei das Schlagzeug seiner klassischen Funktion enthoben und zur komödiantischen Projektionsfläche wird. Das Drumset sorgt zwar für den nötigen Sound, doch ebenso wichtig sind Bewegung, Mimik und Gestik. Besonders begeistert die Nummer, in der ein Musiker seine Kollegen zum Beat der Trommeln als willige Marionetten tanzen lässt. Vorher erlebt man Bodybuilder oder einen Boxkampf und staunt über die Kreativität des Quintetts, alles zu einer stimmigen Geschichte zu verweben.
Dabei verbinden die Künstler mit ihrem Spiel gleich mehrere Ebenen und bedienen sich gekonnt einer Ästhetik der Verknappung: Oft genügt ein einzelner Puls, um eine Szene anzudeuten und aus der Reduktion wächst die staunende Imagination. Musikalisch beeindrucken das punktgenaue Timing, die komplexen Taktschichtungen und rasanten Dynamikwechsel: Während das Publikum noch über den letzten Gag lacht, läuft schon wieder die nächste anspruchsvolle rhythmische Struktur an.
Man kann nur staunen über die Möglichkeiten, die die musikalischen Mafiosi da aus ihrem Gruppenschlagzeug herauskitzeln. Schlag auf Schlag wird die Story vorangetrieben: mit Schießtraining und wilder Verfolgungsjagd. Die Pointen kommen genau auf Schlag und sind reich an Überraschungen, denn auch Alltagsgegenstände wie die weißen Hosenträger der Gangster sind mal Teil des Drum-Sets. Und gerne wird es auch ganz urtümlich, wenn der Beat nur gesteppt und den Händen geklatscht wird, wobei das Publikum natürlich auch zum Zug kommt.
Das veranstaltende Unterhaus wich für diesen Abend bewusst in den Frankfurter Hof aus, denn die eigenen Räumlichkeiten böten weder den Künstlern mit ihren Instrumenten noch dem erzeugten Schall genügend Raum. Das Auditorium war aber auch an der Gastspielstätte außer Rand und Band von dieser atemberaubenden Choreographie aus Rhythmus, Comedy und Lightshow. Auch die Zugabe hatte Klasse: Mit grün leuchtenden Drumsticks sah man unter anderem Michael Jacksons berühmten Moonwalk – einfach klasse: Standing Ovations für ein Ausnahmeensemble, das das klassische Schlagwerk neu definiert.


