Der Lotse geht an Bord
MAINZ (7. Februar 2026). „Rückzug über die Minen der Ebene“ lautet das letzte Programm, das Thomas Freitag nach 50 Bühnenjahren und 20 Soloprogrammen spielt. Irgendwie erinnert die Wortwahl an Romane des Autors Michel Houellebecq, der unter anderem mit „Ausweitung der Kampfzone“ oder „Die Möglichkeit einer Insel“ reüssierte. Genauso stringent und fesselnd wie der französische Romancier agierte Freitag bereits in seinen früheren Theaterabenden, darunter „Europa – der Kreisverkehr und ein Todesfall“ oder „Der kaltwütige Herr Schüttlöffel“. Auch im finalen Solo zieht Freitag nochmals alle Register seiner Kunst: als Mahner und Rufer, der auch mit erhobenem Zeigefinger die Menschen zum Lachen bringen kann.
Bevor Thomas Freitag die Bühne im Unterhaus betritt, ist er bereits virtuell erschienen: Als AI-Thomas wirbt er für die schöne neue Welt und ihre Möglichkeiten, zeitgleich an verschiedenen Orten der Welt aufzutreten. Doch der Kabarettist erweist sich als Deus ex machina und zieht seinem Avatar, diesem „digitalen Enkeltrick“, den Stecker: „Ich liebe Menschen.“ Dieser Satz hängt einem optimistischen Menetekel gleich über dem Abend. Maschinen könnten nicht lieben, spürten keine Empathie. Doch gerade das ist ja seit Jahrzehnten die Antriebsfeder dieses Kabarettisten, der sich in seinen Programmen immer auch als überzeugter Humanist positioniert hat.
Freitag ist am Aussortieren seiner Bibliothek und spinnt damit klug jenen roten Faden, an dem er die einzelnen Nummern des Programms knüpft. Gleich zu Beginn hat er Jaroslav Hašeks „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ in der Hand und sinniert mit liebevoll tschechischem Akzent über die Sinnlosigkeit des Kriegs. Ein anderer Foliant stammt von Karl Marx und inspiriert den Kabarettisten zur selbstkritischen Nabelschau, denn in früheren Tagen trat er auch vor Mitgliedern des Capital Clubs oder dem Presseclub des Springer-Verlags auf: „Und auf einem Kreuzfahrtschiff scherzte ich vor Kapitalisten über den Kapitalismus.“ Der Abend erinnert ohne Rührseligkeit an die gute alte Bundesrepublik, an der sich Freitag jahrzehntelang abgearbeitet hat. Danals hätten sich die Politiker eben noch im Bundestag gefetzt – und nicht in Talkshows. Dem aktuellen Kanzler mag er keine Energie mehr schenken: Der solle endlich auf den mittlerweile beängstigend fragilen Zustand unserer Demokratie reagieren.
Bildungspolitik, Reformstau, Pflegeversicherung – Freitag analysiert gewohnt scharf und bissig. Das Ehepaar, das am Vorabend die Terminflut des kommenden Tages durchgeht, kommt als Reminiszenz an Loriots Lottogewinner Lindemann daher und das deutsche Wesen bekommt kräftig eins auf die Mütze. Zur Höchstform läuft der Künstler in gleich mehreren Nummern auf. Gekonnt dreht er die Geschichte auf links und lässt den amerikanischen Ureinwohner „Blauer Bär“ Europa entdecken: Der hat sich verpaddelt und stößt nun auf die indigene Bevölkerung Butjadingens. Grandios ist die Rede als letztes Nashorn vor dem Welttierparlament, in dem die Lebewesen nach ihrer Bevölkerungsdichte vertreten sind. Mit Einstimmigkeit wendet sich das Gremium gegen den Menschen (0,007 Prozent), der für die meisten globalen Probleme verantwortlich zeichnet. Und was macht Gott? Der ist ein berlinernder Pfiffikus, der den Menschen die Geschäftsidee der Religion verkauft hat.
Ein „Best of“ seines Bühnenschaffens spielte Freitag bereits vor zehn Jahren, wobei er natürlich sein Talent als einer der besten Stimmenimitatoren der Szene präsentierte. Auch in „Rückzug über die Minen der Ebene“ treten Strauß, Kohl, Schmidt, Stoltenberg, Brandt, Genscher und Blüm auf: Sie diskutieren wild um die Tantiemen, die ihnen wegzubrechen drohen, wenn der 75-jährige Kabarettist jetzt die Segel streicht. Kurz vor Schluss wendet sich Freitag an die jungen Menschen: „Kümmert euch um die Demokratie. Man vermisst sie erst, wenn man sie nicht mehr hat. Freiheit muss man aushalten können, wenn man sie versteht. Nur Dummheit führt in die Diktatur zurück. Nie wieder Krieg war das Fundament unserer Demokratie.“
Am Ende steht Freitag mit dem Trolli an der Gangway der „AIDA Noah“, auf der er nach einer Gegenrechnung mit der Pflegepauschale für den Lebensabend eine Kabine gebucht hat. Doch der virtuelle Kapitän will den Kabarettisten anfangs nicht an Bord lassen: All sein Bemühen habe die Welt doch nicht retten können. Ob der Skipper da so richtig liegt? Einer wie Thomas Freitag hat nicht nur unterhalten, sondern auch Denkanstöße gegeben. Am Schluss darf er doch noch einchecken, denn ihm fällt noch ein: „Ich konnte die Menschen zum Lachen bringen.“ Gerade damit hat er sein Publikum in der Vergangenheit doch auch immer unbeschadet durch so manches gesellschaftliche und politische Minenfeld geführt. Der Lotse geht an Bord – es sei ihm von Herzen gegönnt.


