Zartbitter mit Chilinote
MAINZ (16. Januar 2026). Irgendwas ist immer. Oder war, denn nur so ist es zu erklären, dass sage und schreibe 16 Jahre vergangen sind, bis man es mal wieder schaffte, eine Vorstellung von Tina Teubner und Ben Süverkrüp zu besuchen. Und einzig die Begeisterung über diesen Abend im (ausverkauften) Unterhaus, wo das Duo seit mittlerweile 30 Jahren auftritt, kann die Trübsal über das offenbar Verpasste vertreiben.
„Wenn Du mich verlässt, komm ich mit“, heißt das Programm, das Teubner und Süverkrüp in Mainz spielen, an einem neuen wird gerade gearbeitet, es wird im kommenden Jahr im Unterhaus zu sehen sein. Dass diese Revue bereits 2016 Premiere feierte, spricht für die nachhaltige Güte von Teubners Ideen und Gedanken: Seit jeher steht sie für „Lieder, Kabarett, Unfug“, eine unverwechselbare Mischung aus Musikalität, geistvollem Witz und einer sympathischen Schnoddrigkeit, die das Blatt vor dem Mund mit Verve zerreißt.
„Wie oft schreit das Leben nach einer Pointe?“, fragt Teubner ihr Publikum und weiß sich doch in eine Zeit geworfen, in der sie als Kabarettistin stets auch Nutznießerin des angeklagten Missstands ist. Das mag ja jedem auch irgendwie klar sein, doch mal ausgesprochen offenbart es die Kraft, die jener geistige Spagat kostet, den solche Künstlerinnen und Künstler jeden Abend meistern. Chapeau!
Doch Teubner hat ein Ventil gefunden, das ihren geistigen Motor am Laufen hält: Sie lässt sich die Lebensfreude nicht trüben oder gar verbieten. Davon singt sie laut und blutvoll, dass es nur so Funken schlägt. Was gut tut und hoffentlich ansteckt. Denn das Jammern auf hohem Niveau mag die Kabarettistin so gar nicht. Und auch der Zwang zur Optimierung, der oft schon kurz nach der Geburt anfängt, ist ihr ein Dorn im Auge: Was soll’s, wenn der kleine Emil etwas länger braucht?
In köstlichen Dialogen tritt der geniale Pianist Ben Süverkrüp aus der Rolle des Liedbegleiters heraus und bekommt von Teubner eine frühkindliche Essstörung (nur Muttermilch) und Burnout (nur rumgelegen und geschlafen) diagnostiziert. Lasziv am Rotweinglas nippend verleiht die Kabarettistin der Vorstellung ohnehin etwas prickelnd Verruchtes, wozu die Songs im Gewand des klassischen Chansons und Brettl-Lieds elektrisierend gut passen: Teubner und Süverkrüp machen Kabarett der ganz alten Schule und bewahren damit eine Tradition, die im Habitat der modernen Comedy kaum noch eine Überlebenschance hat.
Der Mensch muss immer funktionieren, wird stets mit und an anderen gemessen. Und das geht Tina Teubner dermaßen gegen den Strich. Wo bleibt Platz für Traurigkeit und Melancholie? Auf jeden Fall in ihren Programmen, wo auch das Fragile der menschlichen Seele aufs Tapet kommen darf. Mit dieser entlarvenden Fokussierung erteilt sie der inflationären Massenachtsamkeit eine Absage und betont die Autonomie gegenüber dem Mainstream. Das fängt beim Frühstück mit „protestantischem Streberjoghurt“ an und endet erst spät nach durchtanzter Nacht. Da hat der an der Ampel Im-Stehen-Jogger keinen Platz, denn wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch im Park dauerläuft, gäbe es dort Löwen statt Bänke.
„Wir leben zwar über unsere Verhältnisse, aber noch lange nicht standesgemäß“, ist so ein Satz, der hängenbleibt. Und das muss ja nicht unbedingt pekuniär begrenzt sein. Tina Teuber und Ben Süverkrüp, dessen zu Recht vielbeklatschter, solistischer Parforceritt durch klassische Musikthemen im Spiegel der sozialen Medien nicht unerwähnt bleiben darf, liefern feinste Zartbitterschokolade mit feuriger Chilinote. Ein Abend mit diesen beiden ist erlesenes Erlebnis und geistvolles Geschenk zugleich, anrührend abgerundet durch Johannes Brahms‘ betörend schön auf der singenden Säge intoniertes „Guten Abend, gute Nacht“.


