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Fantastische Körperkunst

ST. INGBERT (25. April 2026). Manche Rezensionen gehen einem leicht von der Hand, schreiben sich quasi von selbst. Bei Tridiculous muss man schon ein wenig länger nachdenken, um die richtigen Worte zu finden. Nicht, weil einem diese Show aus Artistik und Comedy nicht gefallen hätte, o nein: Es fällt nur schwer, das Gesehene in Worte zu fassen, die auch nur annährend die Leichtigkeit und Anmut wiedergeben, mit der Semion Bazavlouk, Rostyslav Hubaydulin und Ihor Yakymenko ihre unfassbar intensive Bühnenshow „Tridiculous ABC“ zelebrieren.

Diese einzigartige Mischung aus Slapstick und Körperkunst schlägt einen unmittelbar in ihren Bann, denn was die drei Ausnahmekünstler auf die Bühne der Stadthalle von St. Ingbert bringen, ist weit mehr als eine Abfolge artistischer Kunststücke. Die klug komponierte Melange aus Körperbeherrschung, Ironie und feinsinnigem Witz entzieht sich dabei jedweder eindeutigen Kategorisierung. Womit Tridiculous 2024 vor Ort eine Rekordmarke setzten: Als erster Teilnehmer der St. Ingberter Pfanne erhielten sie sowohl einen der beiden Hauptpreise als auch den Preis der Kulturministerin und den Publikumspreis.

Kein Wunder: Da jongliert Semion Bazavlouk mit Schallplatten, während er sich in den unmöglichsten Verrenkungen auf der Bühne aalt; Rostyslav Hubaydulin balanciert elegant auf zwei Handstelzen und Ihor Yakymenko erklimmt flink eine Sitzstange, an der er sich schlangenmäßig auf- und abwindet. Dass diese Kunst eine famose Körperspannung erfordert, ist klar – doch man sieht es ihnen keine Sekunde lang an! Im Gegenteil: Alles scheint federleicht, bar jeder Anstrengung. Hebefiguren entstehen wie nebenbei, Körper bewegen sich, als hätten sie kein Gewicht. Doch gerade in dieser scheinbar mühelosen Leichtigkeit offenbart sich die subkutane Disziplin: Jeder Griff sitzt, jede Bewegung ist austariert – und dennoch bleibt Raum für Improvisation.

Dabei kommt alles mit einem liebenswerten Humor daher, der einen zuweilen an den genialen Slapstick der legendären Marx Brothers erinnert. Und hat nicht Ihor Yakymenko mit seinem Lockenkopf und erfrischender Unbedarftheit etwas vom großartigen Harpo? Wie die drei sich gegenseitig austricksen und auf den Arm nehmen (was durchaus buchstäblich geschieht), offenbart eine kunstvolle Choreographie. Dazu kommen Running Gags mit einem Besen – quasi ein wiederkehrendes Element. Komik ist hier nicht Beiwerk, sondern integraler Bestandteil der Darbietung, entsteht aus der Situation und einem beneidenswert feinen Gespür für perfektes Timing.

Überhaupt herrscht ein anderes Tempo, es geht nicht Schlag auf Schlag: Tridiculous spielen mit Erwartungen, nur um sie im nächsten Moment genüsslich zu unterlaufen. Wollte man den Künstlern böse, könnte man manche Länge bemängeln. Oder man versteht diese bewusste Drosselung als Kunstgriff, der die Aufmerksamkeit des Publikums gekonnt bei der Stange hält. Mit großer Lust verschieben Tridiculous die Linien zwischen Zirkus und Theater, Körperkunst und Slapstick.

Zu großartigen Songs wie „Feeling good“ von Michael Bublé, Prince’s „Purple Rain“ oder „I like to move it“ von Reel 2 Real verbindet sich akustische mit optischer Musikalität. Und wenn Semion Bazavlouk noch auf einer Hand balancierend singt, dann kommt man aus dem Staunen überhaupt nicht mehr heraus. Tridiculous gelingt das Kunststück, Hochleistung und Leichtigkeit sowie Virtuosität und Verspieltheit derart eng zu verzahnen, dass daraus etwas Eigenständiges entsteht: eine poetische Form der Körperkomik, die ihresgleichen suchen kann.

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