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Gesunde Harmoniesucht

WIESBADEN (27. März 2025). Egal, welchem Schöpfungsmythos oder wissenschaftlichen Gedanken zur Entstehung unseres Planeten man folgen mag: Bevor sich die Dinge ordneten, war Unordnung, Chaos. Erst nach und nach entstand Harmonie. Dass sie derzeit ordentlich gestört wird, ist ein anderes Thema.

Oder auch nicht: Dem Mainzer Klavierkabarettisten Matthias Ningel, der jüngst in Rostock mit dem Kabarettpreis „Goldener Koggenzieher“ ausgezeichnet wurde, geht es in seinem aktuellen Programm genau darum: die Harmonie, den Einklang. Und man muss kein Musikwissenschaftler (wie er) sein um zu wissen, dass dazu auch der Missklang, die Disharmonie gehört. Für das innere Gleichgewicht wäre die tonale Auflösung aber schon ganz gut. Und die kommt natürlich. Aber erst am Schluss.

Im Wiesbadener Theater im Pariser Hof beschenkt Ningel sein an diesem Abend leider nur kleines Publikum mit reichlich Harmonie(n): Tolle Lieder, kluge Texte, viel Witz, tiefe Gedanken und so mancher flacher Scherz machen auch „Harmonie“ zu einem kleinkünstlerischen Kosmos, einer klingenden Wundertüte mit gelungenen Überraschungen und Einsichten.

Zum Beispiel der, dass man als Musiker nicht mit einer Spargelschäl-Maschine konkurrieren sollte – ein wichtiger Tipp für alle, die mal ein Engagement auf einem Spargelfest in der Eifel bekommen, wo Ningel vor bald 20 Jahren seinen allerersten Auftritt absolvierte. Die Coverversion von Ronan Keatings „When You Say Nothing At All“ im Duett mit dem Schälautomaten stört die Harmonie gleich zu Beginn aufs Köstlichste. Die wird aber schnell wieder hergestellt: mit dem Lied „Freundschaft und Musik“, einer liebevollen (und vor allem gekonnten) Reminiszenz an den Kollegen Konstantin Wecker.

Matthias Ningel ist Liedermacher, Sänger, Pianist, Wortkabarettist – und dafür ein aufmerksamer Beobachter, der der Harmonie oder ihrem Fehlen neugierig nachspürt: Fündig wird er im gestörten Verhältnis der Menschen zu ihrem Körper, in der Abhängigkeit von Bildschirmen, der Sehnsucht nach Superheldenpower oder Liebe, wofür er sich die Musik geschickt bei Edvard Griegs lyrischem „Hochzeitstag auf Troldhaugen“ leiht, hier jedoch den „besten Freund“ anmerken lässt, die Braut sei viel zu schade für den künftigen Gatten – garstige Gedanken grätschen gekonnt in tonale Vertrautheit.

Körperlich wird es auch im Hörspiel über eine Nierenkolik. Wer will, kann da Kritik am Gesundheitssystem heraushören, ansonsten strapaziert Ningel gerade hier die Lachmuskeln seines Publikums aufs Äußerste. Der Song, mit dem die Pointe erklingt, sollte zwar laut Genfer Konvention verboten werden, doch wenn er hier zu hören ist, lässt man das schmunzelnd mal gerne durchgehen.

Der Höhepunkt des Programms (und notabene auch eines der besten Stücke, die man seit langem auf der Kabarettbühne hören durfte) ist das Lied „Schicht für Schicht“, in dem Ningel von Renovierungsarbeiten inspiriert in einem alten Haus klingend einen Bodenbelag nach dem anderen abträgt und dabei über Pubertätssorgen in den 2000er-Jahren, Angst vor dem Atomkrieg in den 1980ern, die Sorgen einer Kriegerwitwe 1950 oder dem gesellschaftlichen Spannungsfeld, in dem sich ein katholischer Geistlicher um 1910 bewegt, sinniert. Dieser Song geht unter die Haut und am Ende weiß man gar nicht, wie man reagieren soll. Peinlich ist die Stille nicht, aber ungewohnt. Ningel durchbricht sie brachial mit einem Lied über Sauna-Aufgüsse – vielleicht lässt sich hier noch ein etwas harmonischerer Übergang finden.

Doch diese kleine Dissonanz ist schnell vergessen, wenn der Künstler das Beatboxing erklärt, über Netzbewertungen von Urlaubszielen singt oder den Menschen aufruft, in seinem Leben nicht nur Zaungast zu sein. Der Komödiant kann nämlich auch ernst werden, ohne dass die Stimmung kippt. Harmonie ist letztendlich der natürliche Feind von Terroristen und Menschenfeinden: „Euch fehlt Musik“, intoniert Ningel aus vollem Hals, wirbt für Zuhören und Zärtlichkeit, für Taktgefühl und Zusammenspiel – ein frommer Wunsch und hoffentlich nicht nur ein Pfeifen im Wald. Zur Sicherheit wird’s zum Schluss nochmal äußerst harmonisch, als die Melodie von „Freude schöner Götterfunken“ aus Beethovens neunter Sinfonie erklingt und zum Mitsummen animiert. Ist ja schließlich auch die Europahymne.

Fazit: Nach diesem Abend wünscht man sich nicht nur mehr Harmonie, sondern weiß auch, wie man selbst dafür sorgen kann. Am besten mit einem Lied auf den Lippen. Und am allerbesten mit einem von Matthias Ningel.

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