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Mein Wa(h)l heißt William!

MAINZ (12. Juni 2026). Wären alle Wale weiß, hießen sie wahrscheinlich durch die Bank weg Moby Dick, schließlich werden heute vor Ostseeküsten herumdümpelnde Meeressäuger sogleich Timmy oder Hope genannt. Der Wahl jedoch, der an diesem Abend auf der Unterhaus-Bühne stand, heißt William und unterschied sich von seinem mittlerweile hingeschiedenen entfernten Namensvetter durch eine erfrischende Vitalität, die er singend, am Klavier parlierend und als eleganter Conférencier ins Rampenlicht stellte.

Das aktuelle Programm des in Köln lebenden Kleinkünstlers, der im März den Deutschen Kleinkunstpreis 2026 in der Sparte Musik erhielt, heißt „wahlweise“ – nach „Wahlgesänge“ das zweite, das mit dem Nachnamen des Künstlers wortspielt. „wahlweise“ ist kein Musikkabarett im herkömmlichen Sinn, sondern eine neugierige wie lustvolle Expedition durch die Absurditäten des Alltags. Wahl hat ein Gespür für die Komik des Banalen und die Tragik des Lächerlichen und springt behände zwischen Nachdenklichkeit und Aberwitz hin und her. Kaum scheint sich eine melancholische Stimmung zu entfalten, setzt eine Pointe an, die das eben noch Gefühlte augenzwinkernd infrage stellt.

William Wahl sang in der A-cappella-Gruppe „Basta“, mit der man ihn auch schon früher im Unterhaus erleben durfte. Mitglieder solcher Formationen müssen nicht nur gut singen können, sondern ihre Stimme auch anpassen, in den Vordergrund stellen und zurücknehmen können. Davon profitiert Wahl mit seinem glockenhellen Tenor auch als Solist. Der Pianist greift beherzt in die Tasten, der Sänger intoniert sowohl im vollen Brust- als auch im ebenso präsenten Kopfregister. Schon allein dadurch hebt sich dieser Künstler von manchen Kollegen ab.

Besonders reizvoll ist Wahls Umgang mit Sprache, denn er setzt nicht auf den schnellen Effekt, sondern vertraut auf die subtile Kraft der Verschiebung. Seine Wortspiele sind nicht vordergründig, sondern scheinen eher beiläufig und beinahe unbemerkt zu entstehen, wodurch man ihren Geschmack oft erst im Abgang goutiert. Man lacht doppelt: über den Witz und weil sich eine weitere Bedeutungsebene geöffnet hat.

Musikalisch überzeugt Wahl ohnehin auf höchstem Niveau. Am Klavier verbindet er technische Souveränität mit erzählerischer Präzision, wobei oft schon die Sprache zur Musik wird. Wahls Virtuosität trägt Themen und Charaktere und verleiht den pointierten Liedern eine besondere Leichtigkeit, die stilistisch breit aufgefächert ist: Ein barock anmutendes Rezitativ leitet eine knackig häretische Schöpfungsgeschichte ein, die Klavierbegleitung kommt mal als Nocturne à la Chopin, mal als konzertante Geste à la Rachmaninov daher, man hört klassische Chansons und nachdenklich-ironische Songs über das Älterwerden oder ABBAs „Fernando“ als kritische Anmerkung zum Nachhaltigkeitsbewusstsein der Kundschaft eines assonanten Onlinehändlers – alles äußerst fein beobachtet und kunstvoll verarbeitet.

Die Moderationen sind dabei weit mehr als Bindeglieder, sondern verleihen dem Abend weitere Brillanz: Mit einer gehörigen Portion Selbstironie verweist Wahl immer wieder auf sein Merchandising, sinniert über eigene Krankheiten (verschleppte Prellung in Verbindung mit Hausstauballergie und Rukola-Unverträglichkeit) oder rechtliche Konsequenzen von Wandtattoos wie „Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum“, wenn er nächtens phantasiert, seinen früheren Mathelehrer umzubringen. Famos ist auch seine Meinung zum Gendern, denn sprachverliebt setzt er auf generische Maskulina und Feminina, wobei er durchaus Rücksicht nimmt – zum Beispiel auf die sexuelle Orientierung bei Wühlmäusen oder transsexuelle Rinder: „Stier, aber queer.“

„wahlweise“ ist Kabarett für Menschen, die lieber über eine kluge Pointe stolpern, als von einem schlechten Gag erschlagen zu werden. Man merkt: William Wahl mag die Menschen trotz oder gerade wegen ihrer Macken – schließlich liefern sie ihm die Munition für seine punktgenau zündenden Pointen. Das Publikum im Unterhaus wurde auf jeden Fall bestens unterhalten, musikalisch verwöhnt und gleichzeitig daran erinnert, wie absurd die Welt und ihre Bewohner eigentlich sind – einschließlich der eigenen Person.

Vielleicht fühlte sich der eine oder andere von den beiden Walbildern, die über dem Flügel hingen, ja auch an das legendäre Wahlkampfmotto aus dem Jahr 1979 erinnert, mit dem die rheinland-pfälzische CDU Bernhard Vogel als Kandidaten für den Ministerpräsidentenposten anpries: Um ihn von seinem sozialdemokratisch gesinnten Bruder Hans-Jochen zu unterscheiden, hieß es da „Mein Vogel heißt Bernhard“. Und angesichts aller Timmys und Hopes dieser Welt wollte man spätestens am Ende dieses hochvergnüglichen Abends unterschreiben: Mein Wa(h)l heißt William!

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