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Mit zehn Jahren entdeckte er Jacques Brel

MAINZ (1. November 2017). Gerade ist Jan Felix May von einer zweieinhalbwöchigen Tournee zurück, auf der der Jazzpianist mit seinen Bandkollegen unter anderem in Berlin, München und Frankfurt auftrat.

Wobei: Als solcher sieht er sich eigentlich gar nicht, denn seine Musik bildet stilistisch ein viel breiteres Spektrum ab: „Rock, HipHop, Jazz“, beschreibt May etwas, was eigentlich gar nicht zu beschreiben ist – man muss es hören! Und das kann man bald auf CD: Die Band hat die Songs im renommierten Pariser Studio de Meudon aufgenommen, das Album soll Anfang 2018 erscheinen.

Nur so viel verrät May: Neben der Band wird die norwegische Sängerin Torun Eriksen zu hören sein; und in einem Stück der bekannte Schauspieler und Synchronsprecher Christian Brückner, der seine Stimme unter anderem Robert de Niro und Robert Redford lieh: „Ich war bei ihm zuhause und gab einen Brief ab, in dem ich ihn fragte, ob er für die CD einen Text von mir sprechen wolle. Einen Monat lang hörte ich nichts und dann fand ich eine Aufnahme mit zwei Varianten in der Post – ohne Brief oder Kommentar.“ Wie sich das anhören wird, darauf darf man also gespannt sein.

Wie wird man Jazz-Musiker? Jan Felix May hat genau das an der Mainzer Musikhochschule studiert: Klavier mit Schwerpunkt Jazz und Populärmusik. Und auch dieses Studium verlangt volle Konzentration, wenn statt Bach und Beethoven Improvisation, Spieltechnik oder Mikrophonierung für eine Aufnahme im Hochschulstudio auf dem Stundenplan stehen. Auch hiermit ist May gerade fertig geworden und hat sein Studium mit der Note 1 abgeschlossen.

Zum Jazz kam der Künstler über die Klassik und hört auch heute noch begeistert Mahler-Sinfonien oder Rachmaninow: Bereits mit drei saß der 23-Jährige erstmals am Klavier, bekam Unterricht bei seinem Vater, einem studierten Musiker. Und was bei anderen dann vielleicht – und wenn, sicherlich sehr viel später – passiert, erlebte der junge Pianist schon im zarten Alter von zehn Jahren: Er entdeckte den Jazz! Es war der französische Chansonnier Jacques Brel, der ihn so faszinierte. Und Oscar Peterson – eben die Musiker, die er zuhause hörte. Und auch so spielen wollte.

Heute ist er soweit. Neben Musizieren (und Üben!) prägt vor allem das Schreiben eigener Stücke Mays Arbeitsalltag. Ein Kritiker beschrieb ihn als „Komponist, der die Vielfalt der musikalischen Welt in sich aufgenommen hat und aus ihr Neues mit Tiefe und wunderbaren Klangbildern kreiert“. Das sind mal voll durchnotierte Songs, aber natürlich auch solche, die den Musikern – seine Bandkollegen spielen Bass, Gitarre, Schlagzeug und Saxophon – große Freiräume für die Umsetzung eigener und spontaner Ideen geben: die berühmte Improvisation, für die die Jazz-Musik seit jeher und in ihren vielen Spielarten steht. Genau das reizt May: die Freiheit, die Offenheit, das Spiel mit der Besetzung. Und dass kein Konzert dem anderen gleicht.

Was man im Mai nächsten Jahres wird erleben können: Hatte der Bandleader die jüngste Tournee noch komplett selbst organisiert, wird er nun von einer Berliner Agentur betreut, die auch Künstler wie Dee Dee Bridgewater oder Jasmin Tabatabai unter Vertrag hat. Die nächste Konzertreihe ist für Ende Mai geplant, für die der Pianist gerade ein neues Programm schreibt. Ob er dann in Mainz oder Frankfurt auftreten wird, steht noch nicht fest: „Auf jeden Fall aber im Rhein-Main-Gebiet.“

Dabei hat gerade Mainz als lokale Jazz-Szene in den letzten Jahren nicht nur in Mays Augen an Kontur gewonnen: Musiker wie Sebastian Sternal, Veranstalter wie der Frankfurter Hof, Konzertreihen wie ‚Treffpunkt Jazz‘ oder Sessions beispielsweise im ‚Schon schön‘ und vor allem die Studierenden der Hochschule mit ihren genialen Lehrern bewirkten hier unheimlich viel. Deshalb fühlt sich der gebürtige Mainzer vor Ort auch so wohl, schätzt die Ruhe zum Schreiben. Wobei es ihn irgendwann mal nach Paris ziehen wird. Da kann er dann auf den Spuren seines Idols Jacques Brel wandeln – und ihnen eigene hinzufügen.

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