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Musik mit politischer Sprengkraft

MAINZ (6. April 2012). Eigentlich läuft es dem Anspruch aktueller Berichterstattung ja zuwider über etwas zu berichten, von dem man weiß, dass es vom Geschehen bald überholt werden wird: Die Kreuzigung Christi eignet sich insofern nicht als Thema nachösterlicher Journale und man könnte eine Aufführung von Bachs Johannespassion am Karfreitag übergehen, wurde Jesu Kreuzestod durch seine Auferstehung doch gleichsam zur „Nachricht von gestern“.

Wäre da nicht die weit über das gewaltsame Ende Jesu auf Golgatha hinausweisende Interpretation Ralf Ottos und seines Bachchors in der Christuskirche – nebst der schlichten Erkenntnis, dass gerade für die menschliche Seele in den Stricken von Schuld und Vergebung gleichsam gilt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

BWV 245 – für viele ein Pflichtstück, gewiss; aber auch viel mehr: ein Bekenntnis! Davon zeugen die kleinen Glanzlichter, die im Verlauf der Passion immer wieder aufglimmen – mal hell, mal verhalten: Mit den Chorälen schafft Otto agogisch und dynamisch geschickt deutliche Zäsuren, um das Geschehen zu betrachten, zu kommentieren; „O große Lieb, o Lieb ohn alle Maße“ wird zur erschütternden Einsicht, „Wer hat dich so geschlagen“ spiegelt sich dramatisch in „Ich, ich und meine Sünden“ und die Erfahrung „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen“ zieht sich durch diese Aufführung – eine Markenzeichen dieses Ensembles.

Die Johannespassion setzt vor allem auch auf die Dramatik der Handlung: Hier steckt politische Brisanz drin und Otto lässt die „Jüden“ der Turbachöre bestimmt und selbstgerecht genug auftreten, vermeidet jedoch mit bemerkenswertem Feingefühl für die Aktualität, den hasserfüllten Fanatismus in den „Kreuzige“-Rufen zu forcieren. Für die Chronistenpflicht reicht ihm derzeit ein eher deskriptiver Duktus.

Wie in den Chorälen erweist sich der stark besetzte Bachchor als wendiges und hochtransparentes Ensemble, das mit dem Bachorchester eine anmutende Einheit bildet. Der auf historischen Instrumenten musizierende Klangkörper überzeugt auf ganzer Linie mit Stringenz und gefühlvoller Adaption.

Die Wertung der Solisten allerdings fällt differenzierter aus: Susanne Bernhard (Sopran) klingt äußert distanziert und unreflektiert; Susanne Schaeffer (Alt) ist dem Notentext zu sehr verhaftet, wodurch es kaum zu einer Korrespondenz mit dem Publikum kommt. Florian Küppers (Bass) hingegen gestaltet seinen Pilatus diplomatisch, die Basspartien von Konrad Jarnot gelingen mit genügend Pathos und gipfeln in der angemessen schüchternen Arie „Mein teurer Heiland, lass dich fragen“, die der Chor schwebend mit dem Choral „Jesu, der du warest tot“ untermalt.

Höhepunkte waren hier fraglos der entrückt-schlanke Christus Felix Rathgebers und der packende Bericht des Evangelisten, den Julian Prégardien mit der zu Gebote stehenden Objektivität, aber nicht ohne innere Anteilnahme erzählte. Letzteres potenzierte sich in den elegant vorgetragenen Tenor-Arien.

Und so verklang nach einer hochdramatischen Passionsgeschichte und dem elegischen „Ruht wohl“ der süße Schlusschoral „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ mit Blick nicht nur nach oben, sondern auch nach vorne: Christus hat den Tod besiegt! Und diese Meldung bleibt topaktuell.

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